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Interview mit Hans Bürger

Co-Autor zusammen mit Prof. Kurt W. Rothschild von "Wie Wirtschaft die Welt bewegt: Die großen ökonomischen Modelle auf dem Prüfstand"


  Der 1962 in Linz geborene Journalist Hans Bürger arbeitete zuerst nach einem Studium der Volkswirtschafen als Wirtschaftsjournalist bei der Oberösterreichischen Kronen Zeitung und seit 1993 beim ORF. Zusammen mit seinem ehemaligen Professor Kurt W. Rothschild veröffentliche er im September 2009 das Buch "Wie Wirtschaft die Welt bewegt: Die großen ökonomischen Modelle auf dem Prüfstand"

  Für die meisten Menschen ist die aktuelle Krise meist ebenso jenseits der fassbaren Realität und meist noch auf ihn persönlich wirkungslos, zumindest wenn er in keine Wertpapiere investiert hat. Der normale Konsument hat sein Verhalten nicht groß geändert.
  Keynes nahm ja an, dass die unteren Einkommensschichten jeden Mehrverdienst stärker in den Konsum steckten und Vermögende in den Geldmarkt. Bestätigt die aktuelle Situation nicht Keynes Annahme stärker, als selbst seine überzeugtesten Anhänger vermuteten nur in die umgekehrte Richtung? Wenn fast nur Spekulationsvermögen vernichtet wird, hat das anscheinend zumindest vorerst fast keine Auswirkungen auf das allgemeine Konsumverhalten.

  Keynes ist bestätigt. Sie haben Recht, mehr als manche geglaubt haben.
  Aber die Krise w i r d sich noch auf deutlich mehr Bevölkerungsschichten auswirken.
  Arbeitslose, Kurzzeitarbeiter, Teilzeitarbeiter werden 2010 und vor allem 2011 deutlich weniger konsumieren ( können)
  Die Nachfrage sinkt, Unternehmen werden ihre Produkte noch weniger verkaufen können und noch mehr Mitarbeiter abbauen

  Ist nicht die riesige Geldmenge, die Anlagemöglichkeiten sucht, hauptverantwortlich für die Krise? Wo eine so große Nachfrage herrscht, sorgt in der Marktwirtschaft natürlich auch jemand für ein Angebot. Das würde allerdings bedeuten, dass dies erst die Erste von zahlreichen Krisen gewesen wäre.

  Aus meiner Sicht und aus Sicht einiger Ökonomen ( z B Robert Shiller) stehen wir vor einer wirklichen Megablase.
  Die Banken bieten weiterhin alle hochexplosiven Finanzprodukte an.
  Statt es der Realwirtschaft weiter zu geben, boomt der ungeregelte und ungezügelte Finanzkapitalismus weiter

  Ist bei der extrem schnell wachsenden Geldmenge, das Anlagemöglichkeiten sucht, nicht bald zwangsweise bald Schluss? Abgesehen davon, dass es sich angesichts dieser Tatsache völlig gegen die Logik der Marktwirtschaft entwickelt und nicht auch Anlageformen mit niedriger Verzinsung ihre Abnehmer finden, sondern die „Preise“ (Zinsen) in Höhnen treibt, die kaum durch Wachstum in der realen Wirtschaft kaum verdient werden können. Irgendwer muss dieses Geld aber ja wohl verdienen? Wie die explodieren Staatsschulden, unsere Nachkommen durch irgendeine Form der Inflation?

  Siehe Antwort oben plus: Sehe eher Deflationsgefahr

  Wie soll das jetzige Wirtschaftssystem angesichts einer expositionell steigenden Geldmenge und eines in absehbarer Zukunft aller Wahrscheinlichkeit explodierenden Ölpreises überleben können?
Der Kapitalismus wird überleben, weil sich noch keine effizientere Wirtschaftsordnung gefunden hat.

  Der Staat wird sich aber bei Banken und Großkonzernen, die er finanziell stützt mehr Mitspracherecht sichern müssen.
  Wahrscheinlich wird er auch bei der Frage mitwirken müssen, WIE die Milliarden verwendet werden ( Postkeynesianismus)
  Grundsätzlich stimme ich mit Prof Rothschild überein: Die Banken müssen kleiner werden

  Ist der geplante Kurs der deutschen Bundesregierung, alles ohne Alternative auf Wachstum zu setzen, nicht hochriskant? Einem Privatmann würde man bei solchem Handeln doch zumindest grobe Fahrlässigkeit unterstellen.

  Ja

  Bei den Buchveröffentlichungen oder Fernsehdiskussionen merkt man meist nach wenigen Minuten, welcher der beiden bisher dominierenden Wirtschaftstheorien der Autor bzw. Sprecher anhängt. Stimmt der Eindruck, dass die neuen Wirtschaftstheorien, die Hirnforschung, Psychologie, Verhaltensforschung usw. stärker berücksichtigen, im deutschen Sprachraum noch keine wirklich merkbare Rolle spielen?

  Leider stimmt dieser Eindruck ( siehe Kölner Ökomomenstreit)

  Wäre eine Wirtschaftstheorie, die sich wie die Metrologie weitgehend auf die Chaosforschung stützt, nicht naheliegender? Wo Metrologie Probleme mit der Dichte der Messpunkte hat, würden sie hier fast überall schon als Daten vorliegen. Egal, ob nationale Budgets, Zinsdaten der Zentralbanken, Rohstoffpreise, Inflation oder Firmendaten börsennotierter Unternehmen.

  Nicht entweder oder – sondern: UND

  „Bekannte Theorien“ ( Neoklassik/Keynes/Verhaltensökonomie) PLUS Neuroökonomie und Chaos.

  Danke für das Interview!



Von Alfred Ohswald am 21. 11. 2009