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White Trash - "Jesus died, that we can drive"


  Der hässliche, weiße, kleine Mann ist schuld. George W. Bush wurde am 7. Januar 2005 als Präsident erneut angelobt. Alle fragen sich nun nach dem "Warum?" Der sogenannte Bible Belt im Mid West mobilisierte eben doch mehr Wähler. Ein Klima aus Angst und Panik verunsicherte Millionen Amerikaner. Dabei kommt die eigentliche Bedrohung nicht von außerhalb der USA, sondern von innen...

  In der Aufblende der Dokumentation "Guerilla: The Taking of Patty Hearst" von Robert Stone, die auf der Viennale 2004 gezeigt wurde und bald in unsere Kinos kommen wird, wird die siebenköpfige Hydra gezeigt, die zum Symbol der Symbionese Liberation Army (SLA) wurde und darunter ihr Slogan: "Death to the fascist insect that preys upon the life of the people". Als erstes Opfer ihres Kampfes für die "Befreiung der unterprivilegierten Massen" hatten sie ausgerechnet den schwarzen Oakland Schools Superintendent Marcus Foster erschossen, weil er einen Polizeiplan zur Identifizierung der Schüler unterstützt hatte. Foster wurde in einem hinterhältigen Attentat auf brutalste Weise erschossen. Konnte sich eine linksgerichtete Guerilla einen schlechteren Gegner für ihre Feuertaufe aussuchen, als diesen harmlosen Schuldirektor? Was war das für eine Guerilla die so sorglos in der Wahl ihrer Ziele ihre eigenen potentiellen Anhänger verschreckte? Natürlich war die SLA frei von jedem Rassismus (einer ihrer Anführer war selbst Afroamerikaner) und bereute die Bluttat auch später, aber wie sollte man je Sympathie für eine Bewegung entwickeln, die das Objekt ihrer Befreiung eigenhändig abmetzelte? Die wenig ruhmreiche Vorgeschichte der SLA war jedoch schnell vergessen, als ihr 1974 ihr größter Coup gelang: die Entführung der Verlegerstochter Patty "Tania" Hearst. Patty, die sich später "Tania" nach einer Mitkämpferin Che Guevaras nannte, war die Tochter des Zeitungsmoguls Randolph Hearst. Sein Vater war von Orson Welles in dem Film "Citizen Kane" authentisch verkörpert worden. Was der SLA gelang war aber nicht allein die Entführung von Hearst, sondern auch Patty Hearst völlig brainwashed an ihren eigenen Unternehmungen zu beteiligen. Mehrere Videos von Banküberfällen der SLA beweisen eindrucksvoll, dass Patty Hearst selbst "Hand anlegte" (und zwar an eine geladene MG) und sich an den Überfallen aktiv beteiligt hatte. Das war natürlich eine Sensation für die damalige Presse: die Tochter des Medienzaren selbst eine Terroristin. Patty Hearst lebte im Untergrund bis sie 1975 verhaftet und zu sieben Jahren verurteilt wurde. Als Entschuldigung für ihre "Umfärbung" hatte sie nur ein müdes Lächeln vorbereitet. Die Anklagepunkte wurden schlussendlich fallen gelassen und heute lebt sie als freier Mensch in Connecticut. Von dem bereits 1982 erschienenen Autobiographie kann sie übrigens ganz gut leben, selbst wenn ihr Daddy sie doch noch enterben sollte.

  Die SLA selbst in einem shootout zur Hälfte aufgerieben und der Rest hinter Gitter gebracht. Gegründet um die privilegierten Klassen das Fürchten zu lehren wurden sie selbst vielmehr von den Objekten ihrer Befreiung, dem Proletariat, gefürchet und schließlich zum Schutz vor diesem eingesperrt. Kann man die Existenz der Symbionese Liberation Army auf die bloße These eines "White Trash" reduzieren, einer entwurzelten, deklassierten urban middle class, die durch die Wirtschaftskrise der 70er proletarisiert wird und in einem wilden "Um-Sich-Schlagen" versucht, sich selbst zu befreien? Zumindestens um sich von seinem eigenen Hass und der Frustration zu befreien?

  Spätestens durch "Natural Born Killers" von Oliver Stone (1994) hielt der Begriff "White Trash" auch in den deutschen Sprachgebrauch Einzug. Gemeint sind hier die unsympathischesten Auswüchse der weißen, US-amerikanischen WASP-Kultur. Deren quasi-ideologisches Ziel ist die Unterwerfung und Ausbeutung sowohl der Natur als auch des weiblichen Prinzips schlechthin, die Vernichtung der Andersartigkeit resp. Multikulturalität der amerikanischen Gesellschaft durch auf diese abzielende Gewalteskalationen verschiedenster Ausformungen. Opfer des White Trash werden zumeist Indigenas oder Afroamerikaner, die durch ihre bloße Existenz zum Zielobjekt des Hasses der unterprivilegierten weißen Klasse in Amerika werden und sich gerade an jenen rächen, die am wenigsten etwas dafür können.
  Natürlich handelt es sich bei White Trash um keine geschlossene ideologische oder gar paramilitärische Vereinigung, es ist vielmehr eine in den Städten und am Land weit verbreitete aber unkoordinierte Bewegung des weißen Underdogs, der durch Mangel an Bildung und soziale Fürsorgemaßnahmen, diejenigen für seine Misere verantwortlich macht, die noch weiter unten auf der Hierarchie-Leiter des globalen Kapitalismus stehen.
  Die Gewaltexzesse der beiden Protagonisten Mickey und Mallory in Oliver Stone`s Film richten sich nicht eindeutig und ausschließlich gegen eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe oder Schicht, vielmehr verschafft sich ihr Hass in alle Richtungen Luft und kennt kein bestimmtes Ziel. Besonders gefährlich wird diese kriminelle Energie jedoch dann, wenn sie von skrupellosen Geschäftemachern oder gar Politikern in eigennützige Bahnen gelenkt wird und so eine "Politisierung von außen" stattfindet. In Europa hatte dieser Schrecken bekanntlicherweise seine hässlichste Fratze angenommen: in Spanien war es der Falangismus, in Deutschland und Österreich der Nationalsozialismus und in Italien der Faschismus. Das Phänomen "White Trash" war und ist keineswegs ein bloß amerikanisches, seine Eroberung der essentiellen Schlüsselpositionen an den Schalthebeln der Macht ist vielmehr european as european can be. Durch das Fehlen oder das Zerschlagen eines Sozialstaats in den USA heute oder in den Dreißigern in Europa werden weite Schichten der Mittelklasse deklassiert resp proletarisiert. "To be Hired and Fired" heißt das Wirtschafts-ABC für den McJob-Arbeitenden, der sich individualisiert und vereinzelt keiner sozialen Klasse mehr zugehörig fühlt und so zu seinem eignen kleinen Unternehmer und PR-Agenten wird. Arbeit ohne Anstellungsverhältnis ist auch im 21. Jahrhundert eine veritable Form der Unterminierung des Sozialstaates. Davon kann man sich auch gerne in Noam Chomskys neuem im Europaverlag erschienen Buch "Neue Weltordnungen" überzeugen. Der Faschismus der Dreißigerjahre war eine Bewegung des arbeitslosen "kleinen Mannes", der durch seine von der herrschenden Klasse subventionierten Sturmstrupps auf brutalste Weise die Opposition beseitigte und sich an der Spitze des Staates sicher wähnte und glaubte zu herrschen. In den USA formierten sich in den 70igern ähnliche Clubs, die scheinbar unpolitisch, jederzeit als Reservearmee abrufbar sind und jenen Herren dienen, die am meisten dafür zahlen.

  Eine solche quasi paramilitärisch organisierte weiße Gruppierung waren die Motorradgangs. Sie hatten Uniformen aus Jeansjacken. Die legendären Camelhelden verehrten ebenso wie die Mafia der Dreißiger Jahre den weißen Machismo, den Männlichkeitskult von Härte durch Gewalt, von Raub, Mord und Totschlag. Verhasst waren ihnen "Nigger" und Langhaarige (auch wenn sie selbst lange Haare trugen), der Kult ihrer Freiheit ging auf die Kosten Andersdenkender, die gerne verprügelt oder mit Messern bedroht oder sogar schamlos abgestochen wurden. Kein Mitleid hatten sie auch mit Frauen, Vergewaltigung war ein Kavaliersdelikt, Verprügeln Ausdruck von Zuneigung (Liebe kannten die Muttersöhnchen keine). Die Anbetung von Männlichkeit und roher Gewalt führte im Zuge von Alkoholgelagen oft zu tödlichem Ausgang oder anderen sinnlosen Gewaltexzessen. Das Motorrad als Symbol der Freiheit und Unabhängigkeit stand im Stellenwert höher als so manche Freundin und jahrelange Begleiterin. Allein der Mann und sein "Pferd" taugten für das Überleben in der "Prärie". Die aufgewärmte Westernromantik vom Kampf Mann gegen Natur und vom einsamen Überleben in der Wildnis nährte die Illusionen tausender junger Anhänger und Adepten.
  Die Rede ist hier nicht etwa von einem Remake des tränentriefenden Filmes "Easy Rider" ohne Romantisierungsketchup, nein, wir reden von Ralph "Sonny" Barger, seines Zeichens der erste Auto-Biograph des wüstesten Motorradklubs der Welt, den Hell`s Angels. Hatten in Dennis Hopper`s Easy Rider die sogenannten Bikers noch halbwegs sympathische Züge (besonders Milchgesicht Peter Fonda) und kämpften gegen eine Welt der Vorurteile und des Polizeiterrors, so kann man von Barger`s Protoganisten das Gegenteil behaupten, da sie eher die Quelle als das Opfer der Gewalt darstellen.
Barger, Sohn des Straßenbauarbeiters Ralph Hubert Sr., passt so perfekt in die Kategorisierung des White Trash, dass ich seine dieses Jahr im Europaverlag erschienene Autobiographie nur allzu gerne als Grundgerüst zur genaueren Definition des White Trash hier exemplarisch darstellen möchte.
  Im Alter von vier Jahren brannte Ralph Jr. Mutter mit dem Busfahrer durch und das arme Söhnchen wurde von seinem Alkoholikerdaddy in East Oakland aufgezogen. (Zitat: "Da Vater am Wochenende so viel trank, arbeitete er Montags nie.") Als die Großmutter auch gestorben war, heiratete der Vater erneut ("Einer musste ja die Wäsche machen.") und damit begann erst die wahre Hölle für unseren kleinen Sonny. Aber auch diese Frau hält es nicht mit Daddy aus und so muss halt Sonny`s Schwester die lästige, weil unmännliche, Hausarbeit übernehmen. Als die Schwester heiratet bleibt für Sonny nur die Army als neues Zuhause und mit einer gefälschten Geburtsurkunde darf er schon als 16-jähriger auf ihre Hilfe als Ersatzmutter zählen. ("Hier (in der Army) lernte ich vor allem eines: Disziplin.") Der Schwindel fliegt jedoch bald auf und Sonny steht wieder auf der Straße: mit 171/2 Jahren.
  Schon die Erzählweise seiner Jugendbiographie lässt es vermuten: die Frauen sind am Elend der Männer schuld und verlassen den armen, guten Vater. Es gibt keinerlei Kritik am Vater, "Schuld" tragen die Frauen, die die Männer immer im Stich lassen.
Nach der Entlassung aus der Army ist Sonny unzufrieden mit seinem Leben: "Ich wollte zu einer Gruppe von Männern gehören, denen nichts daran liegt, eine Ehefrau und zweieinahlb Kinder zu haben und in einem schäbigen Haus zu wohnen, Männern, die lieber Motorrad fuhren, Wettrennen veranstalteten und auf den Putz hauten." Liebevoll wird die Erzählung, wenn Sonny über die Motorradstaffeln des Zweiten Weltkriegs schreibt, sie seien die Vorhut der Kampffront gewesen und die mutigsten unter allen Männern. Einer dieser Clubs hieß Booze Fighters und hatte auf seine Jacken gestickt: "Jesus dies, that we can drive."(Jesus starb, damit wir fahren können.) Als der Vietnamkrieg beginnt, verprügeln Sonny und die Hell`s Angels AntikriegsdemonstrantInnen und bieten sich in einem Brief an Präsident Johnson als Freiwillige für den Kriegseinsatz an. Da die meisten vorbestraft sind, wird diesem edlen Wunsch aber nicht Folge geleistet und sie verbringen den Rest ihres Lebens weiter mit Motorradfahren, Bier saufen und andere Gangs kloppen. Schließlich bekommt Sonny Barger Kehlkopfkrebs, nachdem er dreißig Jahre lang täglich drei Packungen Camel ohne Filter geraucht hat eigentlich kein Wunder. Sonny gewinnt aber auch diesen Kampf und tourte 2004 sogar durch Europa, um Werbung für sein Buch zu machen. Was für ein erfülltes White Trash Leben. Einen Eintrag in das 2004 bei Rowohlt erschienene geniale Buch Wolf Schneiders "Große Verlierer" hat sich Barger damit allerdings nicht verdient.

  Natürlich mag es provokant erscheinen eine linksgerichtete Guerillagruppe wie die SLA neben die rechtsgerichteten Hell`s Angels zu stellen. Aber gerade der Vergleich macht sicher: das weiße, städtische Lumpenproletariat, White Trash, sucht sich immer die falschen Gegner, egal welche politische Ausrichtung ihrer Protagonisten auch haben mögen. Von einer individualpsychologischen Herangehensweise lässt sich eine gestörte Mutterbeziehung attestieren. Ein anderes Beispiel für White Trash stellt sicherlich die deutsche Baader-Meinhof Gruppe dar, der man gemeinhin kleinbürgerliche Herkunft unterstellt (da ein Großteil ihrer Aktivistinnen Pfarrerstöchter aus gutem Hause waren). Ihr "sympathisches Profil" gewannen sie aber hauptsächlich durch den aus dem Kleinkriminellenmilieu stammenden und eigentlich apolitischen Andreas Baader.

  In einem dieses Jahr im Argon-Verlag erschienenen Buch "Tödlicher Irrtum. Die Geschichte der RAF." werden die Siebziger Jahre in der Bundesrepublik erneut aufgerollt. 863 Seiten stark ist die von Butz Peters erzählte Variante der Geschichte der terroristischen Bewegung auf bundesdeutschem Boden. Eine Bilanz über Dreißig Jahre von der ersten Kaufhausbrandstiftung 1968 bis zur Selbstauflösung 1998 enthält diese Biographie des deutschen Terrorismus neben Gerichtsurteilen, Gefängniskassibern, Interviews mit Opfern, RAF-Erklärungen alles Wissenswerte um die "Mutter aller Terroristen": der RAF. Ergänzend dazu sei die RAF-Doku des NDR empfohlen, die ein für allemal mit dem Mythos von Andreas Baader als Revolutionär aufräumt. Wir erinnern uns noch an den 2001 erschienenen Kinoflop "Baader" von Christopher Roth mit Frank "Absoluter Gigant" Giering in der Titelrolle, in dem der Führer- und die Gründungsfigur der Roten Armee Fraktion schon gehörig sein Machismo zur Last gelegt wurde. So pflegte er seine Mitkämpferin und ihm intellektuell haushoch überlegene Ulrike Marie Meinhof gerne mit Flegelausdrücken unterster Kategorie zu belegen und auch ansonsten war er in seiner Ausdrucksweise nicht gerade zimperlich. Trotz all dieser Widrigkeiten der Person Baaders baute sich auf der ersten Generation der RAF ein Mythos auf, der die Bundesrepublik 30 Jahre beschäftigen sollte und mit der Palmers-Entführung vom November 1977 auch in Österreich seinen Ableger fand. Die von deutschen Terroristen finanzierte und von einem Vorarlberger Theaterwissenschaftler umgesetzte fünftägige Entführung endete Gottseidank unblutig. Walter Palmers antwortete nach seiner Freilassung der versammelten Journalistengemeinde lapidar: "Meine Herren, Sie müssen mich entschuldigen, ich komme schon 100 Stunden zu spät zum Abendessen mit meiner Frau." Sind aus diesem alten Eisen die wahren Helden geschmiedet?

  White Trash als Vehikel zur Erklärung der jüngsten Zeitgeschichte mag manchem gerade durch die ideologische Beliebigkeit etwas makaber und verfehlt erscheinen. Dennoch haben wir es mit einem Phänomen zu tun, das sich durch das ganze politische Spektrum zieht und sich auf dem Gedanken des Suprematismus der weißen "Rasse" aufbaut. Diese Überheblichkeit und Arroganz auch durch Selbstkritik zu zerschlagen ist meines Erachtens die message.


Angesprochene Bücher:

Patty Hearst mit Alvin Moscow, Patty Hearst: Her Own Story, New York: Avon, 1982

Ralph "Sonny" Barger: Mein Leben
Unter Mitarbeit von Keith und Kent Zimmermann
Hell`s Angel. Mein Leben.
Europa Verlag, 302 Seiten

Gilles Kepel
Die neuen Kreuzzüge
Die arabische Welt und die Zukunft des Westens

Piper Verlag, 398 Seiten, 23,60.-€

Butz Peters
"Tödlicher Irrtum. Die Geschichte der RAF."
Argon-Verlag 863 Seiten 25,60.-€

Noam Chomsky
"Neue Weltordnungen. Vom Kolonialismus bis zum Big Mac"
Europa Verlag, 250 Seiten

Wolf Schneider: Große Verlierer. Von Goliath bis Gorbatschow. Rowohlt 2004

Angesprochene Filme:

Guerilla: The Taking of Patty Hearst (2004, R: Robert Stone)
Natural Born Killers (1994, D: Woody Harrelson, Juliette Lewis R: Oliver Stone nach einem Drehbuch von Quentin Tarantino)
Citizen Kane (1941 D: Orson Welles, Joseph Cotten R: Orson Welles)
The Wild One (1953, D: Marlon Brando R: Laslo Benedek)
Easy Rider (1969 D: Dennis Hopper, Peter Fonda R: Dennis Hopper)
Baader Film (2001 D: Frank "Absolute Giganten" Giering R: Christopher Roth)
Andreas Baader - Der Staatsfeind (2002 NDR-Dokumentation von Klaus Stern)
Absolute Giganten (1999 D: Frank Giering, Florian Lukas Regie: Sebastian Schipper)


Von Jürgen Weber am 31. 5. 2005