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Interview mit Hans Magenschab

Hans Magenschab

  Der am 25. Juli 1939 in Wien geborene Hans Magenschab studierte Rechts- und Politwissenschaften. Als Journalist arbeitete er unter anderem beim ORF, war Chefredakteur der „Wochenpresse“ und „Furche“, Chef des „Niederösterreich-Kuriers“ sowie Pressechef von NEWAG/NIOGAS (spätere EVN) und schließlich von 1994 bis 2004 Pressesprecher des österreichischen Bundespräsidenten Thomas Klestil.
  Er veröffentlichte Bücher zur Geschichte Österreichs, wie „Der Krieg der Großväter“, Andreas Hofer“, Josef II.“. „Erzherzog Johann“, „Die geheimen Drahtzieher“ - und aktuell „Der große Krieg. Österreich im Ersten Weltkrieg“ , kürzlich erschienen im Tyrolia-Verlag.


  Könnte man den Weg in den 1. Weltkrieg so kurz zusammenfassen, dass viele Ereignisse fast unweigerlich auf diesen Krieg hinausliefen und die wenigen Gelegenheiten, ihn möglicherweise doch noch zu verhindern auf wenig schmeichelhafte Weise versäumt bzw. verhindert wurden (besonders, wenn man an das britische Vermittlungsangebot, des vorläufigen „Pfandes“ Belgrads für Österreich denkt)?

  Sicherlich war die Zwangsläufigkeit des „Großen Krieges“ eine Folge des Zeitgeistes einer ganzen Generation. Vor allem Conrad von Hötzendorf, der gnadenlose Antreiber zum Krieg, gab den Takt an. Auch nach dem Zusammenbruch von 1918 blieb Conrad dabei: „Die Anerkennung des Kampfes um das Dasein als dem Grundprinzip…ist die einzige reelle und vernünftige Grundlage jedweder Politik.“ Immer wieder findet sich in Conrads Korrespondenzen die Aussage: : „Ich tat die Pflicht der Pflicht wegen…“. Und was die Mitmenschen seiner Zeit betraf, so teilte er sie in „Empfindungsmenschen „ und „Verstandesmenschen“ ein. Er selbst war natürlich unter den letzteren.
  Mehr oder weniger wie Conrad dachten unzählige Militärs aller k.u.k. Nationalitäten. Sie folgten den Theorien Darwins und Nietzsche – und hielten den „Kampf“ in jeglicher Form für ein kosmisches Gesetz…


  Hätte nicht vermutlich jede der beteiligten Großmächte mit einer Kriegserklärung reagiert, wenn es einen Spitzenrepräsentanten durch ein Attentat verloren hätte, bei dem ein alles andere als befreundeter Staat die Hände im Spiel hatte?

  Das ausgehende 19. sowie 20. Jahrhundert (bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges) war voller Morde, Attentate und Tötungsversuche. Politische Verbrechen waren ein Teil der psychologischen Kriegsführung. Es starben gewaltsam mehrere Mitglieder der russischen Zarenfamlie, weiters König Umberto I. von Italien, Kaiserin Elisabeth von Österreich, US-Präsident Lincoln und die spanische Königin Isabella, unter besonders grausamen Umständen der serbische König Aleksander mit Frau. Attentate ohne tödlichen Ausgang betrafen Kaiser Franz Josef, Napoleon III., Staatskanzler Bismarck usw. Eine weltweite Friedenspolitik war unter diesen Alltäglichkeiten im Sinne eines humanitären Impetus undenkbar, Bertha von Suttner eine belächelte Außenseiterin.


  Es mag eine etwas ketzerische Sichtweise sein, aber hatte möglicherweise nicht Conrad von Hötzendorf mit seinem Drängen auf einen Präventivkrieg gegen Serbien schon 1912 aus österreichischer Sicht nicht ganz unrecht? Oder drängten nicht die meisten Staaten Europas zu einer kriegerischen Auseinandersetzung, so dass in jedem Fall bald irgendein anderer Anlass dafür gefunden worden wäre?
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  Es ist sehr schwierig, komplexe „Was-Wäre-wenn“-Fragen zu beantworten. Hötzendorf hat am besten Bescheid gewusst, in welchem Zustand sich die k.u.k.Armee befand; also spielte er Hasard – oder noch besser: er ließ die Artisten aus der Zirkuskuppel in ein zerrissenes Netz springen – und das war kriminell. Viele Entscheidungen führten zu nichts anderem als zur Treibjagd der Soldaten in den Tod .

  Ist es nicht bezeichnend, dass ausgerechnet Russland und Österreich-Ungarn als die beiden Länder, die Ihre Bevölkerung am stärksten unter die militärische Obergewalt zwangen, nach dem Krieg nicht mehr in der ursprünglichen Form existierten?


  Ich glaube, dass ein Scheitern der bolschewistischen Revolution in Rußland (1917) dazu geführt hätte, noch mehr russische Dampfwalzen für den Zaren in Bewegung zu setzen. Lenin, Stalin, & Trotzki hingegen war der innerrussischer Bürgerkrieg wichtiger als ein Sieg über Habsburger und Hohenzollern.

  Täuscht der Eindruck, dass militärische Spionage im 1. Weltkrieg trotz Oberst Redl, Mata Hari & Co. eine nicht so bedeutende oder zumindest weniger spektakuläre Rolle spielte, wie im 2. Weltkrieg (Enigma, Richard Sorge usw.)? wobei das auf Österreich-Ungarn vielleicht noch am wenigsten zugetroffen ist?


  Man kann nicht definitiv behaupten, dass Österreich - Ungarn wegen der kriminellen Handlungen von Oberst Redl den Krieg verloren hat; einen gewissen Vorteil der Russen auf diversen Kriegsschauplätzen dürfte es aber gegeben haben.

 Scheinen bei Kriegsbeginn zwar die Techniken moderner geworden zu sein, nicht aber die Menschen? Und am wenigsten die militärische Führung?

  Das ist ein wirklich elegantes Zitat! Auch ich bin der Meinung, dass die Menschen des Jahres 1914 nicht abschätzen konnten, was jeder technologische Schritt für die Kriegsführung bedeutete. Denken Sie nur an die ersten Kriegswochen: Erst der Einsatz von österreichischen 30,5- cm-Mörser aus den Skoda-Werken ermöglichte es den Deutschen, die belgischen Forts zu zerbröseln. Anderenfalls wäre die deutsche Armee nicht einmal bis zur Schelde vorgestossen. Kriegsethik? Oder ein gerechter Krieg? Leider nein. Der Erste Weltkrieg war grausamer als alle Kriege der Neuzeit.


  Erinnert der Kahlschlag in der österreichisch-ungarischen Armeeführung bei Kriegbeginn nicht irgendwie an Stalins Kahlschlag bei den Generälen der Roten Armee am Beginn von Hitlers Russlandfeldzug?

  Ich bin leider kein Fachmann auf diesem Gebiet, um diese Frage beantworten zu können.

  Wird heute das Potential der österreichisch-ungarischen Kriegsmarine wegen ihrer vorwiegend defensiven Rolle und vielleicht auch dem unglücklichen Schicksal des Schlachtschiffs Szent István wegen oft unterschätzt?


  Sehr wahrscheinlich. Zum Schmunzeln bestand allerdings kein Grund, die Männer der k.u.Kriegsmarine verhinderten vielmehr erfolgreich die Angriffe der Entente-Einheiten von Italien aus auf die österreichische dalmatinische Küste.

  Hielt sich Österreich-Ungarn angesichts der sowohl waffentechnisch als auch organisatorisch schlecht vorbereiteten Armee gegenüber der wegen des Japan-Krieges eben modernisierten und auch zahlenmäßig überlegenen russischen Armee eigentlich überraschend gut?


  Die Leistungen der Truppen an allen Fronten - also zuerst an der Ostfront, später auch am Balkan, am Isonzo und in Südtirol - waren einzigartig. Die einfachen Soldaten aller Nationalitäten schlugen sich großartig. Bis in die Spätherbsttage 1918 war kein Quadratmeter österreichisch-ungarischen Bodens vom Gegner besetzt.


  Bestand je eine realistische Chance eines Kriegseintritts Italiens auf Seiten des Dreibundes - selbst wenn sich Österreich-Ungarn formal exakt nach dem Vertrag gehalten hätte?

  Italiens einflußreiche führende intellektuelle Schichten vertraten vor 1914 geradezu hysterisch den Standpunkt, die Einigung Italiens müsse vollendet werden. Aber es gab keine ernsthaften Versuche Österreichs, den Italienern ein Angebot zu machen. Die Sixtus-Aktion kam zu spät, war halbherzig, unkoordiniert und - aus italienischen Sicht – unglaubwürdig. Im übrigen: Trient und Triest waren unbestritten italienische Städte.


  Gab es innerhalb der Entente auch so eigenartige Beziehungen, wie die ja zumindest hinter vorgehaltener Hand von wenig Sympathie zeigenden Beziehung zwischen Österreich-Ungarn und dem Deutschen Reich?


  Der größte Kommunikationsfehler war wohl der Umstand, dass Kaiser Franz Josef- und danach ebenso Kaiser Karl -standhaft die These vertraten, sie wären „deutsche Fürsten“. Was sollten denn die Tschechen, Slowenen, Polen etc. denken - dass ihr kaiserlich-königliches Staatsoberhaupt mit den deutschnationalen Burschenschaftern der Monarchie eine gemeinsame Sache machte – während man sie - die Slawen, Romanen, Ukrainer etc. - zu Untertanen zweiter Ordnung degradierte?
  Ganz unzweifelhaft trat während des Krieges 1914-1918 insgesamt eine Verschlechterung der Beziehungen zwischen Deutschen und Österreichern ein. Man lese nur bei Karl Kraus nach - der anschaulich beschreibt, wie sich die Beziehungen zwischen den „Piefkes“ und den „Schnürschuh-Kameraden“ Schritt für Schritt nach unten entwickelten. Von psychologischer Menschenführung verstand man sowohl im Deutschen Reich wie in der k.u.k.- Armee wenig…

  Die österreichisch-ungarische Armee scheint ja oft von den Offizieren bis zur Generalität in ihrer Unfähigkeit die schlimmsten Vorurteile des deutschen Bündnispartners zu bestätigen?

  Ja - leider war das Urteil oft einfach richtig – und ebenso oft einfach ungerecht.

  Hätte sich Großbritannien möglicherweise tatsächlich aus diesem Krieg rausgehalten, wenn Deutschland nicht Luxemburg und Belgiens Neutralität verletzt hätte oder hätte es bald mit großer Wahrscheinlichkeit einen anderen Anlass zum Kriegseintritt gefunden?


  Schwer zu beantworten: Ordnen wir die Frage unter „WWW“ ein.


  Conrad von Hötzendorf steht aus heutiger Sicht nicht unbedingt als besondere Lichtgestalt dar. Wie erklärt sich sein weitgehend doch hervorragender Ruf? Wodurch erlangte er insbesondere die Anerkennung als genialer Stratege…

  …Weil er in manchem Recht behielt, hinsichtlich anderer Entscheidungen aber versagte. Entscheidend ist wohl für uns Heutigen, dass Conrad der böse Geist für das Unglück Österreich-Ungarns war - und nach dem Sarajevo-Attentat kein Versuch mehr unternommen wurde, den Frieden zu erhalten, was Conrad knapp vor seinem eigenen Tod bestätigte: Man dürfe den Zusammenhang zwischen Mordtat (in Sarajevo) und den Tendenzen der serbischen Regierung nicht verkennen; das wäre krasse Blindheit gewesen. Conrad sodann wörtlich: „Ich war sofort überzeugt, dass es auf diese Herausforderung keine andere Antwort, keine Lösung geben darf als den Krieg gegen Serbien“.

  Hat sich Kaiser Karl nicht angesichts der wenig erfreulichen Lage gar nicht so übel geschlagen und Angesichts der Einschätzung vieler Menschen über ihn, er sei ein bestenfalls durchschnittlicher Charakter in manchen Punkten, wie seinem Friedensstreben oder der Einschätzung der Russischen Revolution bemerkenswerte Voraussicht gezeigt (natürlich abgesehen von seinem doch recht ungeschickten Verhaltes bei der leidlichen Sixtus-Affäre und dem doch recht peinlichen Versuch der Abwälzung der Verantwortung für den Waffenstillstand)?


  Ich kann nur mit einem Zitat der bedeutenden britischen Schriftstellerin Edith Sitwell antworten: „Die Geschichtsschreibung ist eine Waschanstalt, aus der die Wäsche zumeist schmutziger zurückkommt, als sie hingebracht worden ist“.

  Wäre Kaiser Karl nicht genau der richtige Mann gewesen, um Österreich-Ungarn durch die nötigen Reformen den Übergang in eine demokratische Regierungsform zu ermöglichen, wenn er in weniger schwierigen Zeiten die Macht erhalten hätte?


  Keine Frage, dass Kaiser Karl im Geist der Politik Franz-Ferdinands erfolgreicher gewesen wäre als der nur mehr an seinem Nachruf bastelnde Kaiser Franz-Josef. Der Abbau der körperlichen Fitness des Monarchen ist ab der Jahrhundertwende bis 1916 genau nachzuvollziehen.

  Wurde die Schlagkraft des deutschen Militärs nicht durch ihre Unfähigkeit bei der Einschätzung der politischen Lage und ihr unheilvolles Wirken in der Politik im Ergebnis zumindest aufgehoben?


  Naja – nur mit der Apothekerwaage kann man nicht Geschichte beschreiben.


  Hätte die österreichisch-ungarische zurückhaltende und zu Kompromissen bereite Politik unter Kaiser Karl nicht das katastrophale Ausmaß der Niederlage zumindest mildern können? Wäre - als unrealistische Utopische Annahme - die Kombination deutsches Militär und österreichisch-ungarische politische Führung nicht ein recht erfolgträchtiges Modell gewesen?


  Ich bleibe dabei: Mit der Apothekerwaage ist das Problem nicht zu lösen.


  Wurde die US-Amerikanische Militärmacht von den Mittelmächten nicht weitgehend stark unterschätzt? Hatte der Kriegeintritt der USA nicht überraschend wenig politische Konsequenzen, da aus heutiger Sicht recht eindeutig damit die klare Niederlage der Mittelmächte absehbar war?


  Zweifellos hätte man vor 1914 österreichischerseits ein wenig genauer recherchieren können, auf welchem Niveau die weltweit führende US-Wirtschaft bereits damals Waffen produzierte. Statt dessen lagen die Probleme anderswo. Für die reichen US-Patrioten war die k.u. k. Monarchie eine fremde Welt. Die Habsburgermonarchie war erzkatholisch, undemokratisch, technisch unterentwickelt – und tendenziell antisemitisch. Und seit vielen Jahren schützte und protegierte man in Washington die kleinen Nationen – traten doch überall slawische, ungarische, italienische Einwanderer als inneramerikanische Wählergemeinschaften auf. Tatsache war eben, dass Österreich-Ungarn in Wahrheit keine vorbehaltslosen Verbündeten hatte, geschweige denn Freunde. So wurde die einst große Monarchie von ihren Gegnern in Stücke gerissen – und nur ein kleines Stück blieb bekanntlich über. Der französische Präsident Clemenceau benannte es als „Rest“.

  Obwohl es sicherlich auch im 2. Weltkrieg extremen Artilleriebeschuss und heftige Bombardements gab, scheint die psychische Belastung in den Gräben des 1. Weltkrieges deutlich schlimmer gewesen sein? Lag das vermutlich an der größeren Beweglichkeit der Fronten des 2. Weltkrieges?


  Ich würde meinen: Ja.


  Wie war es möglich, dass nur 21 Jahre später erneut ein Krieg vom Zaun gebrochen wurde, obwohl ja wohl noch bei vielen die Erinnerung an Hunger und Schützengräben präsent waren? Und waren Remarques „Im Westen nichts Neues“ oder Karl Kraus’ „Die letzten Tage der Menschheit“ nicht Warnung genug?

  Die Menschheit ist nie wirklich vernünftig gewesen. Generation auf Generation wusste sie mit dem Wort „Friede“, nichts anzufangen. Antike, Mittelalter, Neuzeit, Aufklärung, Industrialisierung - immer wieder folgte auf Kriegskatastrophen neue Konflikte. Es bedurfte eines Jahrhunderts, dass man sich zumindest in Europa zur Vermeidung von Kriegen entschloss. Der Damm, der den Fluß Europa begrenzte, hatte immerhin von 1945 bis 2013 gehalten. Immerhin und gottseidank.

  Herzlichen Dank und viel Erfolg bei Ihren zukünftigen Projekten!


Von Alfred Ohswald am 22. November 2013