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100. Jahrestag des 1. Weltkrieges

  Durch eine abenteuerliche Mischung aus Selbstüberschätzung und Dilettantismus steuerte die österreichisch-ungarische Monarchie nach dem Attentat auf den Thronfolger Erzherzog Ferdinand in Sarajewo in den großen Krieg. Nationalistische Kreise im nach Expansion drängenden Serbien hatten dabei ihre Hände im Spiel gehabt und Österreich-Ungarn hatte darauf hin Serbien ein Ultimatum gestellt, dessen Bedingungen für Serbien kaum annehmbar schienen. Nicht zuletzt die unbedingte Unterstützung des Deutschen Reichs bewegte Österreich-Ungarn dazu, selbst überaus großzügige Vermittlungsangebote auszuschlagen. Etwa den Vorschlag Großbritanniens, Belgrad als Geißel durch österreichisch-ungarische Truppen zu besetzen. Der Drang zum Krieg des Deutschen Reichs wird oft als Befreiungsschlag gegen die Umzinglung durch feindliche Verbündete gesehen.
  Und so löste die Kriegserklärung Österreich-Ungarns und des Deutschen Reichs an Serbien wiederum die Kriegerklärungen von Russland, Frankreich und Großbritannien aus. Italien war im Dreibund mit Österreich-Ungarn und dem Deutschen Reich verbündet, blieb aber neutral. Nicht zuletzt diplomatische Ungeschicklichkeiten ermöglichten Italien diese Neutralität, ohne den Dreibund-Vertrag zu verletzen.

Kaiser Franz Josef
Kaiser Franz Josef

  Deutschland versuchte den Schlieffen-Plan umzusetzen und Frankreich möglichst schnell zu besiegen, um sie dann Russland an der Ostfront zuwenden zu können. Unter der Verletzung der Neutralität Belgiens und Luxemburgs versuchte Deutschland durch diese Länder hindurch nach Frankreich vorzustoßen, was Großbritannien zum Kriegseintritt veranlasste. Was misslang und über den Rest der Kriegsjahre zu einem Schützengrabenabnützungskrieg ohne wirklich entscheidende Bewegungen einer Partei zwischen Frankreich und Großbritannien auf der einen und Deutschland auf der anderen Seite führte.

Wilhelm II.
Wilhelm II.


  Im Osten sollte Österreich-Ungarn Serbien niederwerfen und Russland zumindest standhalten. Der Sieg in Serbien gelang erst Ende 1915 und an der Nordostfront erlitt Österreich-Ungarn schon ganz am Anfang des Krieges so große Verluste an ausgebildeten Offizieren und Mannschaften, dass es sich den ganzen Krieg über nicht mehr völlig davon erholte. Ebenfalls 1915 erklärte Italien Österreich-Ungarn den Krieg und weckte schlimmste Befürchtungen. Auf Seiten der Mittelmächte traten 1915 bald noch das osmanische Reich und Bulgarien in den Krieg ein, auf Seiten der Alliierten Montenegro und Rumänien.

Österreich-Ungarns Generalstandscef Conrad von Hötzendorf
Österreich-Ungarns Generalstandschef
Conrad von Hötzendorf


  Während Österreich-Ungarn einen Angriff in den Bergen der Südfront gegen Italien führte, gelang den Russen ihrerseits Mitte 1916 ein überaus erfolgreicher Angriff an der Nordostfront. Zum wiederholten Mal konnte nur militärische Unterstützung durch Deutschland Österreich-Ungarn vor einer Niederlage retten. Die militärische Führung der Verbündeten hegte eine überaus heftige Abneigung gegen den jeweiligen Partner und die österreichisch-ungarische Armee gab von den Offizieren bis zur Generalität durch offensichtliche Unfähigkeit allzu oft jeden Anlass zur bei den Deutschen herrschenden Geringschätzigkeit. Schließlich führte dieser Umstand dann zur Übernahme der gemeinsamen Armeeführung durch die deutschen Generäle. Dadurch wurde die Totalisierung in Österreich-Ungarn noch mehr durchgesetzt, obwohl hier zuletzt doch die Politik gegenüber dem Militär die Oberhand behielt. Die tschechischen und ruthenischen Soldaten und Bürger der Donaumonarchie standen oft den slawischen Brüdern aus Russland näher und so hatte die österreichisch-ungarische Armee auch wegen der schlechten Menschenführung der Vorgesetzten mit Abstand die meisten fahnenflüchtigen Überläufer, insbesondere an der Nordostfront. Auch bei anderen Dingen, etwa dem Zeichnen von Kriegsanleihen, zeigten die Tschechen ausgesprochen wenig Patriotismus.

Kaiser Karl
Kaiser Karl


  Konnte man 1915 noch als das Jahr der Erfolge der Mittelmächte betrachten und bis etwa Mitte 1916 als die Zeit der weitgehenden Stagnation, so brachte Mitte 1916 und 1917 die Wende. Deutschland selbst scheiterte wiederum in Verdun und in der Seeschlacht bei Skagerrak, anderseits konnten die Alliierten bei ihrer Großoffensive an der Somme auch keinen entscheidenden Durchbruch erzielen. Österreich-Ungarns Kriegsmarine verhielt sich trotz ihrer in einigen Bereichen durchaus beachtlicher Stärke während des Kriegs insgesamt eher defensiv. Ende November 1916 starb der alte Kaiser Franz Josef und sein Großneffe Karl folgte ihm auf den Thron. Kaiser Karl versuchte dann einige Friedensinitiative anzustoßen, darunter am meisten bekannt geworden jene über familiäre Kontakte seiner aus Italien stammenden Frau, die allerdings von den Italienern der Öffentlichkeit zugespielt wurde und Österreich-Ungarn schlussendlich noch enger an Deutschland band. 1917 sorgte die russische Revolution durch die Kommunisten unter Lenin für die Kapitulation Russlands. Denn schließlich provozierte Deutschland mit dem uneingeschränkten U-Bootkrieg schließlich den Kriegseintritt der USA auf Seiten der Alliierten, was das Ausscheiden ohnehin auch schon recht ausgelaugten Russlands mehr als aufwog. Das war dann vermutlich der ausschlaggebende Grund für die Niederlage der Mittelmächte. Wobei neue Waffen auch eine Rolle gespielt haben mögen. Zwar brachte der Einsatz von Giftgas auf beiden Seiten keine Entscheidung aber die Tanks auf alliierter Seite konnten oft für die entscheidenden Durchbrüche sorgen.
  Die letzte große Offensive Österreich-Ungarns betraf die Isonzo-Front, wo die Italiener mit starker Unterstützung deutscher Truppen in der 12. Isonzoschlacht bis an die Piave zurückgedrängt werden konnten. Aber auch das konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die ausgehungerten Soldaten Österreich-Ungarns 1918 am Ende ihrer Kräfte waren. Während die Monarchie innen auseinanderbrach und die Balkanfront nicht mehr halten konnte, versetzten die Alliierten Österreich-Ungarn mit einer Offensive an der Italienfront den endgültigen Todesstoß. Herrschte in Österreich-Ungarn und später auch in Deutschland gegen das Ende des Kriegs hin zunehmend Hunger im Hinterland so sorgte die weltweit grassierende Spanische Grippe dann noch für zahllose Opfer unter der durch den Krieg ohnehin schon geschwächten Bevölkerung.

  Nachdem lange Jahre nach dem 2. Weltkrieg auch die Schuld am Ausbruch des 1. Weltkriegs ausschließlich bei Deutschland und Österreich-Ungarn gesehen wurde, vertreten Heute manche Historiker ein etwas differenzierteres Bild. So werden den Mittelmächten teilweise durchaus nachvollziehbare Gründe zugebilligt. Etwa Deutschland die Angst, beim Wettrüsten in nächster Zeit unweigerlich ins Hintertreffen zu geraten. Trotzdem kann man aus heutiger Sicht angesichts des Leichtsinns und Hochmuts besonders in Österreich-Ungarn nur fassungslos den Kopf schütteln.
  Angesichts des 100jährigen Jubiläums des Kriegsbeginns 2014 erscheinen zahlreiche populärwissenschaftliche Werke, die sowohl was Ausführlichkeit, Thematik und Bild- oder Textlastigkeit wohl so ziemlich alle Wünsche für Interessierte abdecken sollten. Für welches Sachbuch sich die Leser entscheiden, bleibt da wohl weitgehend Geschmacksache.

Karl Kraus
Karl Kraus


  Wer diese Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts verstehen will, muss unbedingt „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus lesen. Karl Kraus war einer der wenigen Intellektuellen, der von Anfang an ein unerbittlicher Gegner dieses Kriegs war. Nirgends wird besonders den Militärs so schonungslos die Maske von der hässlichen Fratze gerissen! Unter den deutschen Autoren kann man wohl mit der Warnung vor der darin auch vorkommenden Kriegsbegeisterung Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“ empfehlen. Und natürlich Erich Maria Remarque mit seinem „Im Westen nichts Neues“, das allerdings nicht annähernd so kritisch gegenüber dem Krieg ist, wie sein Ruf und die unbarmherzige Ablehnung durch die Nazis vermuten lassen. Auch hier gilt: Selbst lesen! Arnold Zweig hat auch einige lesenswerte Romane zu diesem Thema veröffentlicht und weniger direkt zum Krieg sondern zum Untergang der Monarchie hat Joseph Roth insbesondere „Radetzkymarsch“ und „Die Kapuzinergruft“ geschrieben. Auch in Ernest Hemingways „In einem anderen Land“ erfährt man vieles über den Krieg aus italienischer Sicht.
  Aktuelle Sachbücher über den 1. Weltkrieg aus österreichischer Sicht sind unter anderen Manfried Rauchensteiners "Der erste Weltkrieg und der Untergang der Habsburg-Monarchie" und Hans Magenschabs "Der grosse Krieg".

Von Alfred Ohswald am 22. November 2013

=> Zum Interview mit Hans Magenschab zu seinem Buch "Der große Krieg. Österreich im ersten Weltkrieg"