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Buchpräsentation: Thea Leitner - "Hühnerstall und Nobelball. 1938 - 1955 Leben in Krieg und Frieden"

Thea Leitner - Hühnerstall und Nobelball. 1938 - 1955 Leben in Krieg und Frieden

  Der Verlag Carl Ueberreuter GmbH lud, anlässlich der Lesung Thea Leitners Buches "Hühnerstall und Nobelball", in das Palais Trauttmansdorff in der Herrengasse, 1010 Wien ein.
  Meine Freundin und ich trafen um 18:45 Uhr in dem ehrwürdigen Gemäuer ein und fanden auch sofort zu den, für diese Lesung reservierten und adaptierten Räumlichkeiten. Verwundert stellten wir fest, dass die guten Plätze schon allesamt belegt waren. Zugegeben, wir waren von der letzten Buchpräsentation des Verlages Ueberreuter, im Oratorium der Nationalbibliothek, vielleicht ein klein wenig verwöhnt, was die Sitzmöglichkeiten betraf, und meinten, dass man wohl nicht mit diesem "Ansturm" gerechnet haben musste. Da es aber diesmal offensichtlich keine Power Point Projektion geben würde, es sich hier also um eine "klassische Lesung" handeln würde, waren wir auch mit unseren Sitzplätzen im angrenzenden Nebenraum zufrieden. Die Tontechnik war so gut und präzise auf die Räumlichkeit abgestimmt, dass die Entfernung zum "Podium" kein akustisches Problem darstellte. Eine Halsverrenkung vollführend, konnte man sogar manchen Blick auf die Schriftstellerin und ihre Vorredner werfen.
  Die einleitenden Worte fand Dr. Fritz Panzer (?), der auch sofort, ein wenig peinlich berührt, auf die Sitzplatzsituation zu sprechen kam, und zugab das Interesse vielleicht ein wenig unterschätzt zu haben. Einer kurzen Erläuterung, welches Buch heute Abend vorgestellt würde, folgte eine Würdigung Thea Leitners Lebenswerkes.
  Dr. Hugo Portisch hat sich offenbar gerne bereit erklärt, die Laudatio zu übernehmen, ist er der Autorin doch freundschaftlich verbunden und er war auch voll des Lobes für Frau Leitners bisherige Leistungen im Journalismus und in der Literatur.
  Nicht nur, dass sich Thea Leitner, so wie auch Dr. Hugo Portisch, im Journalismus jahrelang ihre Sporen verdient hatte, sie hatte hier auch ein Thema aufgegriffen, dass ihn immer sehr beschäftigt hatte/hat. Man erinnere sich nur an Dr. Portisch journalistisch meisterhaft recherchierten und aufbereiteten Reportagen über die Zeit vom Beginn des 2. Weltkrieges in Österreich bis hin zur Entstehung der 2. Republik Österreichs. Er lobte das aktuelle Buch, ob seiner fundierten Recherchen und ob seines gelungenen, pointierten Erzählstils. Man kann Dr. Hugo Portisch hier, denke ich, getrost ein fachmännisches Urteil zutrauen, weiß doch kaum einer so gut über diese wenig ruhmreiche Epoche Österreichs Bescheid.


  "Hühnerstall und Nobelball" kann als gelungener Versuch bewertet werden eine Zeit wiederzuspiegeln, ohne historische Daten zu dreschen, oder wichtigen Staatsmänner dieser Zeit Worte in den Mund zu legen, oder diese zu zitieren, sondern, indem man die Alltagsgeschichten der Durchschnittsbürger schildert.
Die Erinnerungen Thea Leitners bilden hier lediglich den roten Handlungsfaden, an dem, wie Perlen auf einer Schnur, die einzelnen Geschichten aufgereiht sind. In ihnen und mit ihnen werden die kleinen, ach allzu menschlichen, Stärken und Schwächen porträtiert.
  Apropos "porträtiert", dieses Buch ist übrigens mit Bildern aus der Zeit zwischen 1938 - 1955 illustriert (z.B., ein Bild Frau Qualtingers, Nadja Tillers, Theodor Körners uvm.)
  Nicht im autobiographischen Sinne, dürfen diese geschilderten Erlebnisse in der Ich-Form verstanden werden, wohl aber hat die Autorin selber Anleihe an ihrem ereignisreichen Leben genommen.
  Thea Leitners Stimme, die sonor und weich, ohne Anspannung, oder Eile, ohne Verunsicherung, oder Schwankungen, die Räume erfüllte, bescherte uns 1 ½ Stunden Ohrenschmaus vom Feinsten. Man erkannte den Profi in ihr, unbeeindruckt vom Mikrophon, selbstsicher in der Auswahl ihrer "Leseschmankerln".
  Es mag ja vielleicht kitschig klingen, aber sie erinnerte mich, wenn ich die Augen schloss, an meine selige Großmutter (geb. 1908). Diese pflegte Schönbrunner-Deutsch zu sprechen, von Kindheit an dazu erzogen, das richtige Wort zur richtigen Zeit zu gebrauchen. Und die hier dargebrachten Geschichten ähnelten sehr jenen, die mir meine Großmutter damals schilderte. Im Nachhinein stelle ich nun glücklich fest, dass ich wohl frühreif genug war, diese Erzählungen in mich aufzusaugen, als sei ich ein Schwamm. Wie viel an Lebensweisheit wäre mir verborgen geblieben und für immer verloren gegangen! So haben auch für mich viele Erlebnisse der Ich-Erzählerin -- wie sicherlich für all jene, die diese Zeit entweder noch selbst erlebt haben, als Kinder durchleiden mussten, oder, so wie ich, aus den Berichten der "alten Generation" kennen -- einen nostalgischen Wert. Mit dem pointierten Witz, der launisch spöttelnden und selbstironischen Zunge mit der Thea Leitner diese Alltagsgeschichten erzählt, spürt man den wohltuenden Abstand, den sie zu dieser sicherlich harten Zeit gewonnen hat. Wohltuend deshalb, weil, …natürlich war der Krieg grausam, die Opfer der Individuen unmenschlich, die Qualen, derer, die nicht als Teil des "Systems" betrachtet wurden, unvorstellbar, …es dennoch in all dem Wahnsinn ein kleines Stück Alltagsnormalität gab. Die Probleme des damaligen Alltags hatten eine andere Gewichtung, als unsere heutigen, nicht was man einpackte, wenn man eine Reise plante, war wichtig, sondern, mit welchem Verkehrsmittel man diese Reise wohl bewerkstelligen konnte, nicht, ob die Schuhe im Stil zum Outfit passten, sondern, welcher Verwandte möglicherweise seinen Vorhangstoff opfern würde, damit man sich daraus ein Outfit selbst schneidern konnte, war essentiell.
  Nein, die Durchschnittsbürger waren nicht dumpf gegenüber den Wirren des Krieges, nicht egoistisch, sie waren ja meist immer selbst durch menschliche Verluste, Hunger oder Krankheit in der Familie betroffen, sie versuchten lediglich, trotz allem, in Würde und Anstand zu "überleben":
  "Sonntag für Sonntagnachmittag trafen wir einander in einer Konditorei, eher mühsam Konversation machend, jeder bestrebt, dem anderen vorzugaukeln, dass ohnehin alles in Ordnung wäre." (Seite 27)
  Das Buch will sicher nichts verniedlichen, im Gegenteil!
Mittels Ironie sollen die brutalen Elemente der Erlebnisse allerdings ein wenig abgeschwächt werden. Ich glaube, Thea Leitner richtig zu interpretieren, wenn ich behaupte, dass sie Verständnis für jene Durchschnittsbürger erzeugen möchte, die von meiner/unserer Generation (30 +) gar zu oft pauschaliert vor-verurteilt werden…-Sie sagt in ihrem Vorwort:"…den Alltag zu beschreiben, die Lebensweise von Abermillionen, die nicht Helden, nicht Schurken, nicht Opfer waren, sondern Durchschnittsbürger mit ihren Stärken und Schwächen, nach Kräften bemüht, die schlimmen Kriegszeiten zu überstehen…"


  Dr. Hugo Portisch fasste die Essenz des aktuellen Thea Leitner Buches mit seinen eigenen Worten, engagiert und eifrig, sich bei der Artikulation leicht überschlagend -- so eben, wie man Dr. Portisch aus dem TV kennt -- (sinngemäß) zusammen: Stell' Dir vor, es ist Krieg und Du bekommst es vor lauter Alltag nicht mit?!


Von Christel Schweitzer am 7. 10. 2004


 

Thea Leitner
Hühnerstall und Nobelball. 1938 - 1955 Leben in Krieg und Frieden