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Lesung von Thomas Glavinic
in Achau am 19.10.2013

  Im Rahmen der Veranstaltung „Österreich liest“ konnten die engagierten Damen der Pfarrbibliothek in Achau diesmal einen über die Grenzen Österreichs hinaus bekannten Schriftsteller zur Lesung verpflichten. Auch diesmal wieder wurde die Veranstaltung allein durch den Fleiß und das Teamwork der Damen der Pfarrbibliothek ermöglicht, die Gage des Autors hingegen durch Spenden.
  So wie auch das Jahr davor war auch diesmal wieder der Pfarrsaal voll und das Interesse, Herrn Galvinic aus seinem neuesten Werk „Das größere Wunder“ lesen zu hören, groß. Mit ein wenig Verspätung und sichtlich und hörbar erkältet fand sich der Autor ein und erzählte einleitend ein wenig über seine Tätigkeit als Schriftsteller und seine Reise zur Buchmesse nach Frankfurt.

  Aus seinem Roman, der letzte in der Trilogie über und von dem Protagonisten JONAS, wenngleich, wie Herr Glavinic auf die Frage aus dem Publikum nach der Lesung antwortete, diese Romanfigur lediglich den gleichen Namen trägt, nicht aber die gleiche Person darstellen soll, las der Autor vier bis fünf Ausschnitte vor. Diese ermöglichten einen guten Einblick in den Handlungsverlauf des Romans, ohne natürlich die Spannung vorwegzunehmen:
  „Jonas ist Tourist in einer Todeszone, er nimmt an einer Expedition zum Gipfel des Mount Everest teil. Während des qualvollen Aufstiegs hängt er seinen Erinnerungen nach. An seine wilde Kindheit, an das grausame Schicksal seines Bruders Mike, an seine endlosen Reisen nach Havanna, Tokio, Jerusalem und Oslo. Und schließlich an die magische Begegnung mit Marie, seiner großen Liebe, die sein ganzes Leben verändert.“ (www.thomas-glavinic.de)
  Auf den ersten Blick wirkt Herr Glavinic ernst und melancholisch, vielleicht ein wenig mürrisch. Er ist aber mit einem erfrischend ironischen Humor gesegnet. Diese Ironie blitzt dann in seinen dunklen, ausdrucksstarken Augen auf und richtet sich Großteils gegen den Autor selbst. Dass diese aber auch durchaus auch andere treffen kann, musste die Leiterin der Bibliothek in Achau feststellen, als sie, nach der Lesung, einen kurzen Überblick über die bereits erschienen Werke des Schriftstellers geben wollte und dabei in ihrer Beurteilung der Werke für Herrn Glavinic Geschmack wohl zu flapsig war. Außerdem gibt es da ein Werk, dessen sich der Schriftsteller ganz offenbar immer noch schämt, dieses nicht erwähnt wissen will: Herr Susi
  Der Roman „Das größere Wunder“ ist 523 Seiten stark, 62 Kapitel lang, eine wortgewaltige, im typischen Glavinic Stil verfasste Rahmengeschichte, die sich in zwei Handlungsstränge aufdröselt und wieder zusammenfließt. Der Protagonist wird vom epischen Erzähler schonungslos durchleuchtet, seine Gefühlswelt seziert. Ein Roman-Antiheld, dessen Leben nur durch die Liebe Gestalt und Inhalt annimmt, ohne sie aber einer endlosen Reihe an alltäglichen, mehr oder weniger sinnvollen Verrichtungen gleicht. Jonas braucht sich keine Sorgen um Geld zu machen und doch sind seine Ängste existenziell. Er bereist die Welt um frei zu sein, um der zu sein, der er ist. Er tut alles und nichts, auf der Suche nach sich selbst, empfindet, weil er sich der Liebe versagt, wenig und lässt kaum etwas an sich heran aus Angst unglücklich und verletzbar zu sein. Eine Romanfigur, die das Gefühl der transzendentalen Heimatlosigkeit verbreitet. Doch Jonas entwickelt sich mental weiter, erkennt, dass Angst niemals das Leben beherrschen darf. Will man sich mit Jonas identifizieren, regt dies sicherlich zur Selbstreflexion an, klettert man in eigene Tiefen hinab, nicht auf einen metaphorischen Berg hinauf.

  Eine gewisse Affinität zum Thema Bergsteigen sollte man, meiner Meinung nach, bei Lektüre dieses Werkes, mitbringen. Jene Leser, die die im Roman geschilderten Strapazen kennengelernt und die Befriedung erlangt haben, diese bei einem Aufstieg auf den Berg gemeistert zu haben (muss ja nicht gleich ein 8.000er gewesen sein), werden das Buch lieben. Glavinic selbst meinte auf die Frage, ob er denn selbst Bergsteiger sei, dass die höchste Erhebung, die er je erklommen hat, vielleicht 500m hoch war. Durch seine Bekanntschaft mit Herrn Gerfried Göschl, der 2005 im Alleingang und ohne Sauerstoff den Mount Everest bezwungen hat, wurde bei Glavinic die Faszination für dieses Thema geweckt. Viel Literatur zu diesem Sujet und viele Gespräche mit dem alten Jungendfreund später, entstand die Idee zu diesem Roman. Dennoch ist dies ein Buch über die Liebe, kein Bergroman, meinte der Autor nach der Lesung und verwies auf das Cover, das vom Verlag ein wenig missverständlich gewählt worden ist.
  Der Autor erklärte bezüglich seiner Intention zu diesem Werk: “Es soll ein Buch darüber sein, die Angst zu überwinden.“ Und das Buch soll den Leser mit einem positiven Grundgefühl zurücklassen, fügte Herr Glavinic lächelnd hinzu, handelt es doch von einem Protagonisten, der dies schafft. Ob dies auch der Autor schafft, wie diverse Pressestimmen landauf, landab tönen, das beurteilen Sie, geneigter Leser am besten selbst.

Von Christel Schweitzer am 31. 10. 2013