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Österreich liest

Wolfgang Weiss in Achau/NÖ am 23.10.2010

  So wie letztes Jahr habe ich mich auch heuer wieder pünktlich im Pfarrheim von Achau (die Örtlichkeit wurde wieder von Hochwürden Pfarrer Johann Frühwirth zur Verfügung gestellt) eingefunden. Diesmal steht die Lesung des österreichischen Krimiautors Wolfgang Weiss, der aus seinem neuen Roman „Canossa Gang“ liest, am Programm.
  Nach einleitenden, begrüßenden Worten von Frau Sieglinde Grabner, der Leiterin der Bibliothek, erfährt man – der Saal ist fast bis auf den letzten Platz gefüllt – daß es Frau Somasundrams Beharrlichkeit und herzlicher Hartnäckigkeit zu verdanken ist, daß Herr Weiss und dessen Gattin nach Achau gefunden haben, um in einer Doppel-Conference den teils bizarren Arbeitsalltag der Polizei zu schildern. Frau Somasundram erzählt kurz über das Schaffen des Autors, der, bevor er sich der schreibenden Zunft angeschlossen hat, auch Musiker und Graphiker war (siehe hierzu www.wolfgang-weiss.at).


  Der Kriminalroman „Canossa Gang“ ist der fünfte Fall des Kommissar Meller, aber nicht Weiss‘ fünftes Buch: Hervorzuheben wären hier die Biographie „Sechster Sechster Fünzig“ oder die Jugendroman-Serie.
  Wenn man Herrn Weiss vor und während der Lesung beobachtet, fällt auf mit welch Enthusiasmus, und mit welch Energie er an „seine“ Sache herangeht. Die Augen blitzen lebenslustig und frech, als säße ihm der Kobold im Nacken. Energisch geht er es an, ohne lange einleitende Worte. Die Stimme fest und voll Überzeugung merkt man die positive Lebenseinstellung. Sein Gesicht ist – heutzutage ja schon selten – die „Menükarte des Lebens“. Ich kann in Herrn Weiss Gesicht lesen, ohne seine Biographie zu kennen. Falten der Sorge und des Ärgers neben jenen, die das Lachen erzeugt (hat). Eine ruhige Lebensweisheit strahlt von ihm ab, so, wie man sie manchmal von Bauern kennt, die trotz ihrer Schicksalsschläge und Lebenserfahrungen nie die Bodenhaftung verloren haben.
  Und all dies schwingt nun auch in seinem fünften Roman mit.


  ABER: nicht das Stilmittel Sprache besticht – elaborierter Sprachstil sieht anders aus, man lese hier Alfred Komarek. Man findet weder die bissige Ironie eines Slupetzky, noch den pechschwarzen satirischen Witz eines Wolfgang Haas. Es ist nicht die Raffinesse einer besonderen Erzählstruktur oder der kunstvolle Wechsel im Erzählmoment, der das Zuhören (und Lesen) interessant macht.
  Die Figuren, allen voran der Protagonist Meller (er sieht aus wie George Clooney und hält väterlich einfühlsam die Abteilung zusammen und ist wohl das Alter Ego des Autors) erscheinen charakterlich vielleicht ein wenig zu „glatt“. Natürlich sind auch sie in Widersprüchen gefangen, aber, ob sich die Auseinandersetzung mit diesen auch in der Entwicklung der Charaktere widerspiegelt, werde ich erst beim Lesen erfahren – die Lesung war hierzu zu kurz. Freuen werde ich mich beim Lesen des Romans auf die Beschreibungen jener Orte, an denen die Krimihandlung stattfindet, nämlich Mödling, Mödlings Umgebung und Wien.


  Der Abend war – wie auch letztes Jahr – gelungen: Die Lesung war zeitlich gut bemessen und durch die Doppel-Conference unterhaltsam gestaltet, die gewählten Ausschnitte gaben einen netten Einblick in die Geschichte des Romans, ohne dabei zu viel preiszugeben.
  Das Buffet von den Damen der Bibliothek gezaubert, erfreute mich als Vegetarier ganz besonders. Es war vielfältig und ausreichend.
  Natürlich habe ich mein Buch „Canossa Gang“ – ein Geburtstagsgeschenk – vom Autor signieren lassen, natürlich werde ich es lesen und natürlich werde ich zu gegebener Zeit meine Zunge darüber wetzen.
Zur Freude des Autors? Wir werden sehen…;-)

Von Christel Schweitzer am 5. 11. 2010