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Meldung: 34. Deutscher Krimi Preis 2018

vom: 03.02.2018

1. Platz: Oliver Bottini: Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens (dumont)
 
 Banat/Rumänien 2014: Ioan Cozma hat abgeschlossen mit der Welt. Der Kripo-Kommissar lebt allein, es sind nur noch ein paar Jahre bis zu seiner Pensionierung. Doch die Welt will ihn nicht in Ruhe lassen. Ausgerechnet Cozma wird die Ermittlungsleitung in einem brutalen Mordfall übertragen: Die junge Lisa Marthen, eine Deutsche, wurde erstochen aufgefunden. Ihrem Vater gehört ein landwirtschaftlicher Großbetrieb, und der Verdacht fällt auf einen seiner jungen Feldarbeiter, der in Lisa verliebt war und seit ihrem Tod verschwunden ist. Als eine Spur nach Mecklenburg führt, macht Cozma sich auf den Weg – und muss feststellen, dass er dort nicht der Einzige ist, der für Gerechtigkeit sorgen will …
 
 »Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens« erzählt von der Wirklichkeit der Globalisierung, vom Landraub der Agrarkonzerne und ihren verheerenden Wirkungen auf Mensch und Land, von den einschneidenden Veränderungen des Lebens in Europa nach 1989, von menschlichen Verlusten und winzigen Gewinnen, von Trauer und Leid. Aber all dies ist in keinem Moment abstrakt, sondern immer ganz konkret in seinen Figuren beglaubigt. Von ihrer Tapferkeit weiter zu leben, trotz aller Ohnmacht. »Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens« ist ein Roman, den jeder lesen sollte. Er gibt Auskunft über das Große und Kleine in unseren unübersichtlichen Zeiten.
 (Tobias Gohlis)
 
 
 2. Platz: Monika Geier: Alles so hell da vorn (Ariadne bei Argument)
 
 Welch ein Skandal! In einem runtergekommenen Bordell mit minderjährigen Mädchen in Frankfurt am Main wird ein Polizist mit seiner eigenen Dienstwaffe erschossen! Der Mann trug seine alte grüne Uniform, und er war mit Sicherheit nicht aus ermittlungstechnischen Gründen vor Ort. Da es sich um einen Kriminalbeamten aus Ludwigshafen handelt, werden mitten in der Nacht die Kollegen aus Rheinland-Pfalz hinzugezogen. Unter ihnen: Bettina Boll – vermutlich im deutschsprachigen Raum die einzige kriminalliterarische Ermittlerin, die halbtags tätig ist.
 
 »Alles so hell da vorn« ist der siebte Roman von Monika Geier um die leicht chaotische Kommissarin vom Ludwigshafener K11: immer etwas zu spät dran, immer etwas desorganisiert, immer etwas underdressed – aber mit so kluger wie genauer Beobachtungsgabe und messerscharfem Verstand, denn sie hat sich ein fast kindliches Staunen bewahrt, das nur wenig als gegeben hinnimmt. Von anderen wird sie deshalb oft als naiv unterschätzt. Doch was wie Intuition scheint, ist das Ergebnis blitzschneller Kombination von Gesehenem und Gehörtem, unkonventionellem Denken und dem analytischen Rückgriff auf Erfahrungen. Darin – und nur darin – ähnelt Monika Geier ihrem Vorbild Agatha Christie. In allen anderen Punkten hat sie die Britin längst meilenweit überflügelt.
 (Kirsten Reimers)
 
 
 3. Platz: Andreas Pflüger: Niemals (Suhrkamp)
 
 Das »Niemals« des Titels ist das Damoklesschwert der dauerhaften Erblindung, das über der Ausnahmepolizistin Jenny Aaron hängt, seitdem sie in Barcelona bei einer Verfolgungsjagd eine Kugel in den Kopf bekam. Aaron, »gefährlich wie ein Raubtier in freier Wildbahn«, und eine überaus interessante Frauenfigur, gehört zu einer international operierenden Sondereinheit, der »Bad Bank der deutschen Polizei«, nur »Die Abteilung« genannt.
 
 Es klingt ein wenig irrsinnig, dass der Verlag den Plot schon auf der Umschlagseite verrät: »Stell dir vor, du erbst zwei Milliarden Dollar – von deinem Todfeind.« Aber es stellt sich heraus, dass das nur der Dosenöffner für eine heftigere Geschichte ist. An den Adrenalingehalt dieses Buches reichen vermutlich nur Rennfahrer- und Bergsteiger-Biografien heran. Doch auch das intellektuelle und literarische Vergnügen ist beträchtlich. Plot und Dialoge funkeln, die Sprache ist straff wie Klavierdraht. Ganz im Sinne Elmore Leonards sind alle überflüssigen Worte gestrichen. Auch international gibt es derzeit niemanden, der Pflüger das Wasser reichen könnte: Spannungsliteratur auf höchstem Niveau, perfekt geschliffen wie der Koh-i-Noor.
 (Alf Mayer)
 
 
 
 1. Platz: John le Carré: Das Vermächtnis der Spione
 (A Legacy of Spies)
 Deutsch von Peter Torberg (Ullstein)
 
 1961 starben an der Berliner Mauer sterben zwei Menschen, Alec Leamas, britischer Top-Spion, und seine Freundin Liz Gold.
 2017 wird George Smileys ehemaliger Assistent Peter Guillam ins Innenministerium einbestellt. Die Kinder der Spione Alec Leamas und Elizabeth Gold drohen, die Regierung zu verklagen. Die Untersuchung wirft neue Fragen auf: Warum mussten die Agenten an der Berliner Mauer sterben?
 
 Unschlagbar ist le Carré immer noch in der Eleganz seiner Dialoge, dem artifiziellen Geheimdienst-Jargon, der ein eigenes sprachliches Universum aufmacht (glänzend getroffen von Peter Torberg) und in der Virtuosität, mit dem jeder Satz drei- und vierfach kodiert ist. Sprache als Desinformation, aber ungemein kommunikativ: Das ist ein Punkt, der brandaktuell ist. Und le Carré wäre nicht le Carré, wenn »Das Vermächtnis der Spione« nur eine nostalgische oder selbstreferentielle Veranstaltung wäre. Im Gegenteil. Der Roman sitzt ganz fest im Hier und Jetzt.
 (Thomas Wörtche)
 
 
 2. Platz: Viet Thanh Nguyen: Der Sympathisant
 (The Sympathizer)
 Deutsch von Wolfgang Müller (Blessing)
 
 Viet Thanh Nguyen erzählt von einem Mann, der während des endenden Vietnamkrieges Adjudant eines Generals im mit mit den USA verbündeten Süden ist, tatsächlich aber für »den Vietkong«, also für den kommunistischen Norden als Agent arbeitet. Als die USA sich zurückziehen, flieht dieser Erzähler, Sohn einer Vietnamesin und eines französischen Priesters, mit einer Gruppe von Offizieren und deren Familien in die Staaten – wo seine »heimliche« Arbeit allerdings nicht endet, wo er nicht bloß die Amerikaner, sondern auch die vietnamesischen Exilanten ausspionieren soll; mit dem Ende des Vietnam-Krieges, das in eindrücklichen Bildern beschrieben wird, geht die Geschichte also erst so richtig los.
 
 Eine Geschichte, die zwar auch Strukturen des Spionageromans bedient – mindestens ebenso sehr aber ein autobiografisch geprägter Blick auf´s Gelobte Land der Vereinigten Staaten aus Perspektive eines vietnamesischen Einwanderers ist, der gleich in mehrfacher Hinsicht ein Identifikationsproblem hat. Plus – der Vietnamkrieg: Tatsächlich ja eine militärische Niederlage der USA mit Pauken und Trompeten, die allerdings durch unzählige Vietnam-Geschichten in Film und Literatur »gefühlt« fast relativiert wurde – Viet Thanh Nguyen setzt dieser stets us-egozentrischen Perspektive in seinem stilistisch hervorragenden Roman ein Bild entgegen, in dem auch Mal »die« Vietnamesen eine entscheidende Rolle spielen.
 (Ulrich Noller, WDR)
 
 
 3. Platz: Jérôme Leroy: Der Block
 (Le Bloc)
 Deutsch von Cornelia Wend (Nautilus)
 
 Seit vier Monaten toben in ganz Frankreich die Aufstände, die Zahl der Todesopfer steht bei 752 – und der rechte »Block Patriotique« ist kurz davor, dieMacht zu übernehmen. Das ist die Ausgangslage in Jérôme Leroys erschreckend aktuellem Kriminalroman »Der Block«.
 Leroy erzählt die Geschichte des »Blocks« mit Hilfe zweier Figuren, die auf unterschiedliche Weise den Aufstieg der Rechten in Frankreich illustrieren. Stanko, einer aus der brutalen Schutztruppe der Partei, der vom marginalisierten Rand der Gesellschaft in die Arme der Rechten getrieben und dort ausgebildet wurde, jetzt aber die Liquidation fürchten muss, weil er zu viel Dreck am Stecken hat. Der andere ist Antoine, Ehemann der Parteivorsitzenden und intellektueller Karrierist, dem nun die Türen der Politik offenstehen.
 
 All das serviert Jérôme Leroy in zwei ständig wechselnden Erzählströmen voller Intensität und mit einem Engagement, das an die Grenzen des Erträglichen geht. Er sieht sich dabei in der Tradition des sogenannten Neo-Polar, jener französischen Variante des Kriminalromans, die sich als zeitgemäße Form sozialer Literatur mit linker Prägung versteht.
 (Günther Grosser, Berliner Zeitung)

 

Quelle: www.krimilexikon.de