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James Sallis
Willnot
(2016)

Liebeskind
2019
Übersetzt von Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt
224 Seiten
ISBN-13: 978-3954381029
€ 20,-


Von Hans Durrer am 12.08.2019

  In der Nähe einer alten Kiesgrube bei Willnot, einer amerikanischen Kleinstadt, werden Leichen entdeckt. Lamar Hale, der ortsansässige Arzt (von dem sein Vater, ein erfolgreicher Science-Fiction-Autor, erwartet hatte, er würde ihm nachfolgen und auch ein Schreiberling werden, wird herbeigerufen. Niemand weiss, wer die Opfer sind, eine Spezialeinheit wird vor Ort gerufen. Der Arzt kriegt Besuch von einem ehemaligen Patienten, dann von einer FBI-Agentin. Dann wird auf den Patienten geschossen ...
 
  Apropos Medizin: Man erfährt einiges über den Alltag eines Allgemeinpraktikers sowie auch dies: „In der Radiologie haben wir gelernt, dass es in der Natur keine rechten Winkel gibt; wenn wir sie auf einem Röntgenbild sehen, stimmt etwas nicht.“
 
  Was die Bücher von James Sallis mir wertvoll macht, ist nicht so sehr die Handlung, sondern das Atmosphärische, also der Ton, die Art des Erzählens sowie die zutiefst menschliche Haltung des Erzählers, der so recht eigentlich der Philosoph des 'Noir' ist.
 
  „An irgendeinem Punkt hatte Andrew beschlossen, dass ich, weil ich ja so gut verstand, was er durchmachte, ebenfalls unter einem Aufmerksamkeitssyndrom litt und dass man zu meiner Zeit nur nicht gewusst hatte, was es war, und deswegen gab es zwischen uns eine Verbindung.“
 
  Autoren wie James Sallis, die philosophisch unterwegs sind (und das meint: genau hinsehen und selber denken), sind nötiger für unsere Zeit als die allgegenwärtigen Psychologen. „Angststörung. Dissoziation. Diese Begriffe fielen mir direkt ein. Wir verbinden sie mit einer Entwicklung, sie gehen auf die Menschen selbst über und wir denken: Jetzt verstehe ich. Doch das tun wir nicht, und die Worte selbst blockieren weitere Suchansätze.“
 
  Auf Canetti, Wittgenstein, Adorno und einen Zen-Meister nimmt Sallis Bezug, vom wahren Selbst, unserem limitierten Wissen und woran er glaubt, schreibt er. „An die Fähigkeit des Menschen“, sagte ich zu ihm, „unter erheblichen Anstrengungen geringfügig besser zu sein als seine ureigenen Instinkte und Neigungen.“ Das sagt der Arzt Lamar Hale und nicht der Autor James Sallis? Wer so denkt, sollte wieder zurück an die Uni.
 
  Hale lebt mit seinem Partner Richard, einem Lehrer, zusammen. Das wird ganz beiläufig erzählt und wirkt auch deswegen wie das, was es sein sollte: vollkommen normal. Überhaupt ist dem lebenserfahrenen Autor Sallis nichts fremd auf dieser Welt, was auch damit zu tun hat, dass er eben weiss, dass „wir alle eine brodelnde Masse von Widersprüchen sind. Und an Überraschungen.“ Und weil generell gilt: „In Wahrheit ist das Leben überhaupt nicht zu verstehen.“ Solch eine nüchterne Sicht auf die Dinge lasse ich mir gerne gefallen.
 
  „Willnot“ überzeugt auch, weil dieser Roman unter anderem darlegt, dass und wie das Leben für jeden einzelnen Menschen schwierig ist. „Jeder, den wir treffen, ficht einen Kampf aus, über den wir nichts wissen.“
 
  Fazit: Aufklärung vom Feinsten, ein wahres Buch!

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