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Bo Svernström
Opfer

Rowohlt
2019
Übersetzt von Ulla Ackermann
592 Seiten
ISBN-13: 978-3499276293
€ 12,-


Von Hans Durrer am 02.08.2019

  In einer Scheune bei Stockholm wird ein gekreuzigter Mann, ein Krimineller mit einem langen Vorstrafenregister, aufgefunden. Die Polizisten halten ihn zuerst für tot, merken dann aber, dass er lebt. Dies ist der Auftakt zu einer Reihe von Opfern, die alle Kriminelle waren und grausam gefoltert wurden. Der von vielen Dienstjahren zermürbte Kriminalhauptkommissar Carl Eden ist für den Fall zuständig.
 
  Bereits auf den ersten Seiten merkt man, dass man es mit einem sehr differenzierten Thriller zu tun hat. Die Rechtsmedizinerin wird auf eine Art und Weise charakterisiert, die mehr Aufschluss über Berufs- und Klassenzugehörigkeit gibt als viele soziologische Studien. „Sie sprach in einem herablassenden, selbstbewussten Ton und auf die typisch überlegene Art, die erfahrene Mediziner häufig an den Tag legten ... Vielleicht lag es aber auch an ihrer High-Society-Ausstrahlung, dieser selbstverständlichen, natürlichen Überheblichkeit, die daher rührte, niemals gezwungen gewesen zu sein, Kompromisse einzugehen und auf irgendetwas zu verzichten, nicht einmal als Kind.“ Einleuchtend, doch ob das wirklich stimmt? Verzicht, so scheint mir, hat bei vielen Reichen doch einen hohen Stellenwert.
 
  „Opfer“ ist ein Thriller voller überraschender Wendungen – immer, wenn man denkt, aha, in diese Richtung läuft es, geht es ganz plötzlich wieder in eine ganz andere. Zudem ist Bo Svernström mit diesem Buch ein eindrückliches Dokument aktueller schwedischer Befindlichkeiten gelungen. Wie etwa Alexandra Bengtsson den Weg in den Journalismus gefunden hat und womit sie als alleinerziehende Mutter einer Teenager-Tochter klar kommen muss, ist jedenfalls sehr nahe bei der Realität. Auch die unterschiedlichen Polizisten-Charaktere wirken wie aus dem richtigen Leben gegriffen.
 
  Wie das Ermittler und Journalisten gemeinhin so tun: sie suchen nach Mustern, die allerdings lange nicht erkennbar sind, bis dann im zweiten Teil eine für mein Empfinden übertrieben detaillierte und recht langatmige Reise in die Vergangenheit Licht in die Sache bringt
 
  Und natürlich interessiert auch die Frage nach einem möglichen Motiv für die vielen extrem brutalen Morde. Die Rechtsmedizinerin, danach gefragt, sieht sich nicht zuständig – sie ist den Fakten verpflichtet. Das Rätselraten überlässt sie anderen. Und hat dafür meine ganze Sympathie.
 
  Wie bei den meisten Thrillern üblich, ist der Kriminalhauptkommissar ein sensibler, komplizierter und lebenserfahrener Charakter. Weniger üblich ist – und das zeichnet „Opfer“ unter anderem aus – , dass etwa standardisierte Polizeibefragungen so brillant ad absurdum geführt werden. Das gegenseitige Unverständnis zwischen dem Radladerfahrer Claes Kullberg, der eine zerquetschte Leiche entdeckt, und den ermittelnden Polizisten liess mich laut herauslachen. Und auch, dass ich immer wieder Interessantes lerne: „Ärzte durften wegen Infektionsgefahr bei der Arbeit keine Ringe tragen.“
 
  Neben der spannenden Handlung haben mich besonders Stellen wie etwa diese hier, die das Büro eines Richter beschreibt, fasziniert: „Bücherregale ragten hinter ihm an der Wand empor, vom Boden bis zur Decke, randvoll mit Akten, Gesetzestexten und Fachzeitschriften. Ausserdem hatte er sich eine ansehnliche Sammlung an Romanen zugelegt, deren Vorhandensein er vehement damit verteidigte, dass sie seine Vorstellungskraft anregten und ihm halfen, die Innenwelten anderer Menschen besser zu verstehen, wie bizarr und eigentümlich diese auch sein mochten – eine Fähigkeit, die ihm als Richter zugute kam.“ Ich wünschte mir mehr solcher Richter!
 
  Bo Svernströms „Opfer“ ist ein Thriller voller 'thrills', wenn auch im zweiten Teil mit vielen Rückblenden in die Vergangenheit etwas zäh. Trotzdem: Grossartig, eine Entdeckung!

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