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John Carreyrou
Bad Blood
Die wahre Geschichte des größten Betrugs im Silicon Valley
(Karlheinz Dürr, 2018)

DVA
2019
Übersetzt von Karlheinz Dürr
400 Seiten
ISBN-13: 978-3421048233
€ 24,-


Von Hans Durrer am 19.06.2019

  „Bad Blood“ handelt nicht nur von der Studienabbrecherin Elizabeth Holmes, der Gründerin von Theranos, einem Start-up, das die Medizinindustrie revolutionieren sollte, sondern erzählt auch die Geschichte einer Besessenheit, der ganz viele kapitalistisch Erfolgreiche verfallen sind. Vor allem aber zeigt dieses sehr spannend geschriebene Buch, dass die Werte, die „unser“ Wirtschaftssystem hochhält (grösser und besser und mehr), uns letztlich alle ins Verderben stürzt. Nicht etwa, dass uns diese Aussicht beeindrucken würde, denn es ist zu vermuten (dies lehrt uns die Geschichte), dass Solches oder Ähnliches immer wieder passieren wird. Bisher sind wir trotz (und nicht etwa wegen) unserer Anstrengungen davon gekommen.
 
  Im Vorstand von Theranos, einem Unternehmen, das versprach, dass ein einziger Tropfen Blut reichen würde, um Blutbilder zu erstellen und Therapien zu steuern, sassen unter anderen Henry Mosley, ein Veteran der Technologyszene des Silicon Valley, Channing Robertson, der stellvertretender Dekan der School of Engineering der Stanford University und andere Arrivierte, denen Elizabeth Holmes Eindruck machte – Channing Robertson verglich sie mir Steve Jobs. Sicher, es gab auch immer wieder Zweifler, doch verblüffend ist schon, wie Hoffnung, Gier und Eitelkeit mit Einwänden, die einem nicht passen, umgehen. Klingt etwas vielversprechend, so ist es fast unmöglich, die Menschen, die daran glauben wollen, vom Gegenteil zu überzeugen. Die Orientierung an Fakten ist den meisten wesensfremd
 
  Ständig wurden bei Theranos Leute gefeuert, laufend kamen neue hinzu, einige kündigten auch von sich aus. Jedem aufmerksamen Beobachter musste auffallen (und einigen fiel es in der Tat auf), dass Elizabeth Holmes allzuviele Versprechen machte, die sie nicht einlöste. Immer wieder zeigte es sich, dass sie zwar äusserst smart war und hervorragend zu inspirieren und motivieren wusste, doch gleichzeitig auch extrem unberechenbar war, keinen Widerspruch ertragen konnte, absolute Loyalität forderte sowie etwa den eigenen Bruder (der keine einschlägigen Qualifikationen mitbrachte) ins Unternehmen holte – das System-Trump lässt grüssen: „Eine derartig hohe Personalfluktuation hatte er noch nie erlebt. Ausserdem machte ihm die Kultur der Unehrlichkeit im Unternehmen immer mehr zu schaffen.“
 
  Dass Elizabeth Holmes mit dem CEO ihres Unternehmens zusammen lebte, hielt sie geheim. „Wenn Elizabeth schon bei einer solchen Sache nicht aufrichtig war, log sie dann auch bei anderen Dingen?“ Würden die Menschen die richtigen Konsequenzen aus ihren Beobachtungen und Einsichten ziehen, wäre es nicht zu einem „Fall Theranos“ gekommen – „unsere“ Gehorsamskultur steht der Zivilcourage jedoch entgegen.
 
  Nach inspirierenden Figuren zu suchen, sich nach Heldinnen und Heilsbringern zu sehnen, scheint dem Menschen Schicksal – nicht nur in der Politik, auch in der Wirtschaft, im Sport, ja, so recht eigentlich allüberall. Tyrannen, die Macchiavellis Diktum vom Teilen und Herrschen in den Genen haben, nutzen das aus. Dass sie gelegentlich tief fallen, sollte keine Beruhigung sein – lernen, sich nicht tyrannisieren zu lassen, wäre weit wichtiger.
 
  Dem Autor John Carreyrou, einem investigativen Journalisten beim „Wall Street Journal“, ist mit diesem Buch auch eine Persönlichkeitsstudie gelungen, die es in sich hat. Würden wir von Ehrgeiz getriebene, charismatische und inspirierende Egozentriker wie Elizabeth Holmes verstehen, so wäre uns klar, dass sie nur in Schwarz/Weiss beziehungsweise in Entweder/Oder denken können, nur an der Verwendbarkeit (dem Ausnutzen) von anderen interessiert und gänzlich unfähig zur Empathie sind. Kurz und gut: Wir würden nicht auf sie hereinfallen.
 
  „Bad Blood“ liest sich wie ein Thriller und lässt wenig Hoffnung aufkommen, solche Betrügereien könnten einmal überwunden werden, denn des Menschen Blödheit (maskiert als Glaube, Hoffnung oder Vision) wird sich kaum ändern. In der Wissenschaft, hat der Physiker und Nobelpreisträger Richard Feynman einmal gemeint, gehe es darum, sich nicht selber herein zu legen, doch da dies das Allerleichteste überhaupt ist, tun wir es ständig. Nicht nur in der Wissenschaft, sondern generell.
 
  Eindrücklich, überzeugend und spannend. Notwendige Aufklärung vom Feinsten!

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