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T. Christian Miller / Ken Armstrong
Falschaussage
Eine wahre Geschichte
(A False Report: The chilling true story of the woman nobody believed)

btb
2019
Übersetzt von Henning Dedekind
352 Seiten
ISBN-13: 978-3442716258
€ 12,-


Von Hans Durrer am 19.05.2019

  „Sie sagt, sie wurde vergewaltigt. Die Polizei sagt, sie lügt“, steht auf dem Umschlag dieses mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Buches. Und damit ist so recht eigentlich schon fast alles gesagt, denkt es so in mir, Nur eben: Dies ist nicht das Ende der Geschichte, sondern der Anfang dieses brisanten Fakten-Thrillers, der sich sehr spannend liest.
 
  Nachdem die 18jährige Marie brutal vergewaltigt wurde, macht sie widersprüchliche Aussagen. Einmal sagt sie, sie sei vergewaltigt worden, dann wieder, nein, sie sei nicht vergewaltigt worden. „Marie kam es so vor, als würden die Leute von nun an denken, sie wäre geisteskrank.“ Zwei Jahre später werden Kriminalbeamtinnen (auch über die nicht immer einfache Situation von Frauen im Polizeidienst erfährt man Einiges) mit demselben Tatmuster konfrontiert und kommen einem Serientäter auf die Spur.
 
  In typisch nordamerikanisch-journalistischer Manier erzählen T. Christian Miller, ein ehemaliger Reporter der Los Angeles Times, der heute in Berkekely Online Journalismus unterrichtet, und Ken Armstrong, der unter anderem für die Chicago Tribune gearbeitet hat und akademisch in Princeton und Harvard tätig ist, diese wahre Geschichte – detailreich und ausführlich. Was die beiden neben einer akribischen Fleissleistung vorlegen, ist Storytelling vom Feinsten, bei dem man auch viel über die unterschiedlichen Lebensläufe, Ansichten und Wertvorstellungen der ermittelnden Polizistinnen erfährt. Und auch darüber, wie Polizeiarbeit vor sich geht – dass etwa die Beweissammlung bei Sexualdelikten heutzutage standardisiert ist, man spricht von einem Rape Kit.
 
  Höchst aufschlussreich ist, was man über die Erinnerungen von Vergewaltigungsopfern erfährt. Unser Gedächtnis ist ja an sich keine besonders verlässliche Referenz, doch bei traumatisierten Menschen ist das nochmals eine ganz andere Sache, da ein Trauma das Gehirn in beträchtliche Unordnung bringen kann. „Viele konnten sich nicht in chronologischer Reihenfolge an das Erlebte erinnern.“ Und: „Manchmal gelangen Bilder Tage, Monate oder sogar Jahre später wieder an die Oberfläche, ungewollt und ungebeten, in perfekter Klarheit wie eine Landschaft, die plötzlich von einem Blitz erhellt wird.“ Unter anderem macht das auch klar, weshalb Justizverfahren, die auf Chronologie und simple Ursache/Wirkung-Abläufe bauen, so recht eigentlich völlig lebensfremd sind.
 
  Der Überlebenstrieb ist unser stärkster Trieb. Befindet sich jemand in einer Gefahrensituation, klammert sich das Gehirn an alles, das ihm zu überleben hilft. Es fokussiert, richtet zum Beispiel seine ganze Aufmerksamkeit auf eine Waffe oder auf ein Kleidungsstück – auf irgendetwas. „Indem sich der Geist auf dieses Detail fixiert, vermag er sich von dem unmittelbaren Grauen abzuwenden und an einen kognitiv sicheren Ort zu begeben.“
 
  Miller und Armstrong schildern auch den zwanghaft obsessiven Täter und dessen seelische Notlage; er weiss, was mit ihm los ist („Doch das Monster ruhte niemals. Stets sammelte es neue Kräfte. Das Verlangen, zu beherrschen und zu unterwerfen, stieg ein weiteres Mal in ihm auf.“) und kann trotzdem nichts dagegen tun – jedenfalls kommt es ihm so vor.
 
  „Falschaussage“ macht eindrücklich klar, wie unsere Voreingenommenheiten, sei es aufgrund unseres Denkens oder unserer Lebenserfahrung, uns zu Fehlschlüssen verleiten. Unvoreingenommenheit zu lernen, müsste unser wichtigstes Lernziel sein.
 
  Fazit: Dringend nötige, höchst aktuelle Aufklärung. Ein erhellendes Buch!

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