Hauptseite
Rezensionen
Autoren
Themen
Reportagen
Meldungen
Links
Kontakt
Newsletter
David Foenkinos
Die Frau im Musée d'Orsay
(Vers la beauté)

Penguin
2019
Übersetzt von Christian Kolb
240 Seiten
ISBN-13: 978-3328600862
€ 20,-


Von Hans Durrer am 19.05.2019

  Natürlich gehe ich dieses Buch mit gespannter Erwartung an, schliesslich habe ich „Das geheime Leben des Monsieur Pick“ wirklich toll gefunden – und ich werde nicht enttäuscht, denn der 1974 geborene David Foenkinos gehört zu denen, die mit einem beeindruckenden Schreibtalent gesegnet sind. Leicht und witzig schreibt dieser begabte Handwerker und sein neuestes Buch, „Die Frau im Musée d'Orsay“, legt davon wiederum Zeugnis ab.
 
  Worum geht's?
  Antoine Duris, Professor an der Hochschule der Schönen Künste in Lyon, kündigt völlig überraschend seine Stelle und zieht nach Paris, wo er sich im Musée d'Orsay als Aufsichtsperson anstellen lässt. Was ist passiert? Ist es, weil ihn seine Freundin Lousie verlassen hat? Ereilt ihn eine Mid-Life-Crisis? Das soll hier natürlich nicht ausgeführt werden ... doch wie immer ist es nicht die Handlung alleine, die eine Geschichte ausmacht, sondern die vielen Dinge drumherum und im Falle von „Die Frau im Musée d'Orsay“ nicht zuletzt die Charakterisierung der Hauptperson.
 
  Antoine Duris ist ein eigenartig lebensuntüchtiger Mann – kompliziert, verknorzt, unbedarft –, der nie so recht weiss, wie man sich sozial zu verhalten hat. Nicht, dass es da strikte Regeln gäbe, doch ein paar der jeweiligen Situation angemessene Umgangsformen gibt es schon, die ihm allerdings nicht geläufig sind bezieheungsweise jeweils erst im Nachhinein in den Sinn kommen.
 
  Toll fand ich auch, dass mich David Foenkinos immer wieder auf mich verblüffende Dinge und Gegebenheiten aufmerksam macht, auf die ich selber wohl nicht gekommen wäre. Etwa: „Im Umgang mit Fremden ist es immer einfacher, sich im Stehen zu unterhalten.“ Oder: „Ganz allgemein lässt sich die Persönlichkeit eines Menschen sehr gut an der Frisur ablesen.“ Oder: „Das Verlangen eines anderen zu ergründen ist meist sinnlos.“ Man scheitert ja oft bereits beim Ergründen des eigenen Verlangens, will ich da nur beifügen ...
 
  „Die Frau im Musée d'Orsay“ ist auch sehr witzig. Als Antoine unschlüssig ist, ob er im Restaurant eine heisse Schokolade oder eine Gemüsesuppe bestellen soll, wundert sich Mathilde, die Personalchefin des Musée d'Orsay, schliesslich handelt es sich um zwei sehr unterschiedliche Sachen und schägt vor, beide zu bestellen und dann zu teilen. „Einen Augenblick später erkannten sie die Ironie der Situation: Die Gemüsesuppe und die heisse Schokolade schmeckten vollkommen gleich.“
 
  Im französischen Original heisst das Buch „Vers la beauté“ – dass es in diesem Buch auch (und nicht unwesentlich) um die Schönheit geht, merkt man im deutschen Titel leider nicht mehr. Antoine Duris hat über Modigliani promoviert und ist ganz beglückt, dass er sich in der Nähe von Modiglianis Porträt von Jeanne Hébuterne aufhalten kann. „Beim Anblick dieser Frau rauschte das Leben nur so an ihm vorüber. Manchmal sprach er zu ihr wie zu einer Verbündeten. Das Sprechen tat ihm gut. Jeder sucht eben auf seine Art Trost (...) Das Wunderbare war immer noch die beste Waffe gegen den Schmerz.“
 
  Und auch was Foenkinos über die Kunst, den Ruhm und das Geld zu sagen hat, lohnt zu bedenken. „Es hatte Antoine immer fasziniert, wenn der Erfolg sich erst im Nachhinein einstellte. Wenn Künstler Ruhm, Anerkennung und Geld erwarben, aber zu spät. Ein Knochenhaufen erntete den Lohn. Dieser nachträgliche Wirbel hatte etwas geradezu Abartiges, wenn man wusste, welches Leid und welche Demütigungen Modigliani zu Lebzeiten hatte erdulden müssen. Wer möchte denn schon posthum die grosse Liebe erleben.“
 
  „Die Frau im Musée d'Orsay“ ist in der zweiten Hälfte auch eine tragische Geschichte, doch diese soll hier nicht verraten werden, nur dies: Antoine Duris lernt das Richtige zu tun.
 
  Fazit: Intelligente, anrührende und lehrreiche Unterhaltung.

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

Wenn Sie zu diesem Buch auch eine Kritik schreiben wollen, senden Sie diese bitte per eMail. Diese Mail geht an den Betreiber dieser Seite!
Mails an den Autor der Kritik sind nur möglich, wenn dessen Name ein Link ist. Mit dem Link gelangen Sie zum Portrait des Rezensenten, wo meist auch seine eMail-Adresse zu finden ist. Andernfalls ist keine Kontaktaufnahme erwünscht oder möglich.