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Tara Isabella Burton
So schöne Lügen

DuMont Buchverlag
2019
Übersetzt von Clara Drechsler und Harald Hellmann
336 Seiten
ISBN-13: 978-3832183707
€ 22,-


Von Hans Durrer am 12.05.2019

  Schon nach den ersten paar Seiten weiss ich, dass ich diesen Roman mögen werde, obwohl so recht eigentlich alles dagegen spricht – die Eitelkeiten der Grossstädte wie New York, wo sich ambitionierte Erfolgshungrige versammeln, geht mir am Arsch vorbei und von Journalisten, die in Oxford studiert haben, habe ich so recht eigentlich auch genug. Doch Tara Isabella Burtons „So schöne Lügen“ hat einen guten Rhythmus, viel ironischen Witz und so bin ich sofort drin in der Geschichte von Louise, Ende zwanzig, die gerne Schriftstellerin wäre und sich mit schlecht bezahlten Jobs in Brooklyn durchschlägt, und der aus reichem Haus stammenden Lavinia, die auf der Upper East Side wohnt und ein glamouröses Leben führt.
 
  „Sie schaut in den Spiegel.
  'Heute', sagt sie – und zwar laut (sie hatte mal eine Therapeutin, die ihr gesagt hat, es sei gut. Solche Dinge laut auszusprechen) – ist der erste Tag vom Rest deines Lebens.
  Sie ringt sich ein Lächeln ab. Auch das hat die Therapeutin ihr geraten.“
 
  „Louise beobachtet gern Leute; sie findet das beruhigend; wenn du dich lange genug auf das konzentrierst, was mit anderen nicht stimmt, fragst du dich nicht mehr ganz so oft, was mit dir nicht stimmt.“
 
  Lavinia nimmt Louise zu den angesagtesten Partys mit. Da wimmelt es dann von Charakteren, die alle nur ein Ziel zu haben scheinen – aufzufallen und speziell zu sein. Diesen Jahrmarkt der Eitelkeiten schildert die Autorin höchst überzeugend. Und die clevere Louise weiss sich darin zu bewegen. „Der beste Weg, jemanden von einer Frage abzulenken, die man nicht beantworten möchte, ist es, ihn dazu zu bewegen, über sich selbst zu reden.“
 
  Die beiden verbindet die Gier und die Selbstzweifel, sie suchen und finden Halt aneinander. Lavinia bietet Louise an, bei ihr zu wohnen, die gegenseitige Abhängigkeit nimmt zu. Louise beginnt Lavinia zu beklauen, diese merkt das und plötzlich gerät alles ausser Kontrolle. Die jeder Abhängigkeit zugrunde liegend Angst, ja, Panik, ist höchst eindrücklich geschildert.
 
  Dass „So schöne Lügen“ Tara Isabella Burtons erster Roman ist, verblüfft vor allem deswegen, weil er so überaus gekonnt gemacht ist. Diese Autorin, die unter anderem Beiträge 'National Geographic', 'Salon' und 'The Atlantic' geschrieben hat und 2012 den Shiva Naipaul Memorial Prize für Reiseliteratur und 2016 einen Lowell Thomas Award erhielt, weiss, wie man spannend erzählt, versteht etwas von Dramaturgie. Was mich zudem für diesen Roman einnimmt, ist, dass nicht nur Louise (aus deren Perspektive die Geschichte geschildert wird), sondern auch Lavinia zwar sehr bewusst realisieren, was sie tun und was sich um sie herum abspielt, und trotzdem ihren Gefühlen gegenüber machtlos sind.
 
  „So schöne Lügen“ ist auch ein Buch darüber, wie eine junge Frau sich immer wieder vornimmt, ihrem Leben eine Wendung zu geben – und scheitert, denn die gewohnten Verhaltensmuster sind stärker, der vertraute Lebenssog ist übermächtig.
 
  Glänzende Dialoge, smarte Überlegungen. „Louise denkt: Ehrlichkeit und Liebe schliessen einander aus.“ Ein Buch über die Werte der jungen Leute von heute, gut erzählt, voller intelligenter Einsichten und sehr clever. „Niemand will die Wahrheit über sich hören, nicht wirklich, und sie müsste es besser wissen als jeder andere.“
 
 „So schöne Lügen“ ist diese rare Mischung von Milieustudie, Thriller und lebensphilosophischen Überlegungen. „Es gibt Voraussetzungen dafür, dass Menschen in dieser Welt als soziale Wesen funktionieren können, und eine der wichtigsten davon ist, dass intelligente Menschen die Antworten auf viele Fragen gar nicht erst wissen wollen.“ Ein höchst überzeugendes Werk!

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