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Dov Alfon
Unit 8200
(A Long Night in Paris)

Rowohlt
2019
Übersetzt von Gottfried Röckelein
480 Seiten
ISBN-13: 978-3499275708
€ 16,-


Von Hans Durrer am 12.04.2019

  Unit 8200 ist eine Einheit der israelischen Streitkräfte. Sie dient der Fernmelde- und elektronischen Aufklärung und ist auch für die Codeentwicklung zuständig. Sie gilt als eine der geheimsten Geheimdienste der Welt und ist aller bestens informiert über Vorgänge weltweit, der amerikanischen NSA nur in Grösse unterlegen.
 
  Dov Alfon, der Autor dieses Thrillers, war Offizier bei Unit 8200 und machte anschliessend Karriere in den israelischen Medien – ein Mann also bestens geeignet, über Geheimdienste zu schreiben. Weshalb er denn auch weiss, dass ihr Ruf besser ist als die Realität – schliesslich war der ehemalige Premier Rabin unter den Augen der Sicherheitskräfte ermordet worden.
 
  Der Auftakt zieht einen sofort rein: Am Flughafen Paris-Charles-de-Gaulle verschwindet ein fünfundzwanzigjähriger israelischer Marketingleiter, was in Tel Aviv die Geheimdienste auf den Plan ruft – das ist sehr informativ, atmosphärisch höchst gelungen und überdies mit Witz geschildert. „ ...Zwar wurden seit Jahren immer wieder Beschwerden beim Ombudsmann eingereicht, aber die Klimaanlagen schepperten immer weiter vor sich hin. Im zentralen Nervensystem des israelischen Militärgeheimdienstes hatte das Wohlergehen der Computer Vorrang vor dem der Menschen.“
 
  Die Chinesen (ein mysteriöses Mordkommando) kommen ins Spiel – könnte es sein, dass eine Verwechslung vorliegt, ein falscher Israeli ermordet wurde? Oberst Zeev Abadi (und nicht Hauptmann Abadi, wie auf der vierten Umschlagseite fälschlicherweise behauptet wird), der neue Chef der Unit 8200 sowie seine Stellvertreterin Orianna Talmor gehen der Sache nach. Das ist überzeugend, spannend und clever geschildert – insbesondere die ständigen Szenenwechsel sind ungeheuer effektiv eingesetzt.
 
  Überaus realistisch beschreibt Dov Alfon auch die internen Rangeleien bei Geheimdiensten, das Kompetenzgerangel zwischen der französischen Polizei und den Israelis und nicht zuletzt, wie es in hierarchischen Strukturen zu und her geht. „Konnte es sein, dass diese ranghohen Amtsträger, auf deren Schultern eine furchteinflössende Verantwortung lastete, insgeheim grenzenloser Speichelleckerei bedurften, selbst wenn sie von einem Idioten kam? So eine Art musikalischer Hintergrundberieselung im Karriereaufzug auf dem Weg nach oben?“
 
  Wie alle guten Thriller gibt auch „Unit 8200“ ein besseres Abbild der Realität als es die Medien meist tun. Die Frau des israelischen Premiers lässt sich von einem eigens nach Monaco eingeflogenen Figaro für eintausendzweihundertfünfzig Euro die Haare schneiden, was unter 'unvorhergesehene Sicherheitsausgaben' abgebucht wird. Die Medien kriegen Wind davon und die PR-Abteilung des Premiers macht sich daran, die Geschichte zu versenken, indem sie die mediale Aufmerksamkeit auf eine andere lenkt. „Sie analysierten die Informationen. In ihrem Gewerbe bewertete man Informationen nicht nach Wichtigkeit oder Glaubwürdigkeit, sondern nach deren publizistischem und medialem Potenzial.“
 
  Ich lerne, dass der staatliche Sicherheitsapparat nur in der Theorie dazu da ist, die Sicherheit der Bürger zu gewährleisten, „in der Praxis war er allerdings Tag und Nacht damit beschäftigt, die Position des Ministers zu stärken.“ Und ich lerne, dass es keine gute Idee ist bei einem Verhör zu gestehen. „Weil ein Ermittler nämlich gar nicht hinter der Wahrheit her ist und gar nicht das Instrumentarium zur Verfügung hate, um die Aussagen der verdächtigen Personen zu verifizieren. Alles, was er in dem gegeben Augenblick will, ist zu überprüfen, ob dieses Subjekt vor ihm ins Profil passt.“
 
  Auch, und das gefällt mir ganz besonders, findet sich immer mal wieder Philosophisches. „Alle Menschen sind sterblich, aber für jeden Menschen ist der Tod ein Unfall, ein unverschuldeter Gewaltakt.“ (Simone de Beauvoir).
 
  Fazit: Einer der besten Agententhriller seit langem; ein Super-Buch!

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