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Oliver Pötzsch
Der Spielmann
Die Geschichte des Johann Georg Faustus 1

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2018
784 Seiten
ISBN-13: 9783471351598
€ 22,-


Von Alfred Ohswald am 27.03.2019

  Ende des 15. Jahrhunderts wird Johann Georg, von seiner Mutter „Faustus“, der Glückliche genannt, im deutschen Knittlingen geboren und verbringt dort auch seine Kindheit. Als dritter von vier Brüdern wird er von seiner Mutter geliebt und von seinem Vater und seinen zwei älteren Brüdern gehasst. Nach dem frühen Tod der Mutter erfährt er den Grund für den Hass seines Vaters, er ist nicht sein wahrer Vater, seine Mutter war fremdgegangen. Nach dem unglücklichen Verschwinden seines jüngsten Bruders, bei dem er nicht ganz unschuldig war, verjagt ihn sein Vater vom Hof.
  Unterwegs gerät er bald in ernsthafte Schwierigkeiten, aus denen ihm ein fahrender Gaukler und Magier mit dem Namen Tonio del Moravia rettet und ihn als Lehrling aufnimmt. Doch dieser Mann hat eine dunkle Seite und geheimnisumwitterte Pläne mit Johann.
 
  Pötzschs historischer Roman ist handwerklich gekonnt erzählt, was bei einem derart erfolgreichen Autor auch keine Überraschung sein sollte. Einige Zeit balanciert er geschickt zwischen realistisch und übersinnlich entlang, bis er schließlich die Grenze etwas zu Letzterem überschreitet. Geschickt lässt er unaufdringlich historische Ereignisse einfließen, indem sie etwa der Hauptfigur und Erzähler in Gaststätten von anderen Reisenden erzählt werden. Oft bleibt er dabei bewusst etwas ungenau oder auch falsch, wenn er etwa von einem neuen Seeweg nach China erfährt. Schließlich ahnte damals selbst Kolumbus selbst nichts von einem neuen Kontinent, der damals übrigens ohnehin noch nicht „Amerika“ getauft gewesen wäre. Die Recherchen sind bis in die Details bewundernswert, so wusste der Autor beispielsweise auch, dass etwa Leonardo da Vinci seine Texte und Kommentare in Spiegelschrift niederschrieb. Leider zieht sich das Ende gar in die Länge, hier hätte eine herzhafte Kürzung wahrlich nicht geschadet.
  Allerdings darf es die Leser nicht stören, dass der Held zunehmend negative Eigenschaften entwickelt und sich spätestens ab etwa der Hälfte immer weniger zur Identifikationsfigur eignet. Es kann sich also niemand beklagen, der Held würde keinerlei Entwicklung durchmachen.
  Er hat auch ziemlich wenig mit dem „Faust“ Goethes – mit Ausnahme einiger bekannter Zitate - oder erst recht nicht mit Thomas Manns „Doktor Faustus“ gemein. Vielmehr drängt sich ein Vergleich mit Daniel Kehlmanns „Tyll“, die sich aber kaum gleichen. Zuerst ist „Der Spielmann“ chronologisch erzählt, „Tyll“ nicht, „Der Spielmann“ spielt verständlicherweise auch literarisch nicht ganz in dessen Liga. Dafür versucht „Der Spielmann“ sich historisch korrekt einzuordnen, worum sich Kehlmann bewusst keinen Deut schert. Dafür sind sich beide Hauptfiguren charakterlich nicht unähnlich, allerdings hält sich der Autor bei „Der Spielmann“ streng an seine Hauptfigur als Erzähler, wogegen Kehlmann die Erzähl-Figur ständig wechselt. Und in „Der Spielmann“ gibt es keinen Humor, wogegen die Drachensuche in „Tyll“ in diesem Punkt genial ist.
  Übrigens gibt es mit „Der Lehrmeister“ eine etwa ebenso voluminöse Fortsetzung.

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