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Zora del Buono
Hinter Büschen, an eine Hauswand gelehnt

C. H. Beck
2016
174 Seiten
ISBN-13: 9783406696909
€ 18,95


Von Hans Durrer am 25.03.2019

  Die Frau traut sich was, war mein erster Gedanke, als ich den Titel dieses Romans auf mich wirken liess, denn ich nahm ganz automatisch an, dass er die eigenen Erlebnisse der Autorin beschrieb, die doch auch an Colleges der amerikanischen Ostküste unterrichtete – genau wie die Protagonistin von „Hinter den Büschen, an eine Hauswand gelehnt.“ Leute, die sich beruflich mit Literatur (und davon handelt es sich hier, das merkt auch ein Laie wie ich) beschäftigen, werden mir vermutlich entgegenhalten, dass Figuren in einem Roman selten mit realen Personen (und schon gar nicht mit ihren Schöpfern) identisch sind. Kann schon sein, doch für mich sind Autorin und Protagonistin weitgehend identisch. Nein, ich will nicht darauf beharren. Und ja, natürlich wird es Unterschiede geben. Und überhaupt: Spielt es eine Rolle? Ich weiss es nicht, ich beschreibe nur meine Reaktion auf den Buchtitel.
 
  Worum geht's? Vita Osten unterrichtet einen Sommerkurs in Journalismus an einem amerikanischen Ostküsten-College. Zwischen ihr und dem Studenten Zev entwickelt sich „eine ganz und gar ungebührliche Nähe“, heisst es im Klappentext – eine Wortwahl, die auf mich ziemlich aus der Zeit gefallen wirkt – und gut trifft, was eines der für mich zentralen Themen dieses aussergewöhnlich gut geschriebenen (ein Sprachrhythmus, der einen in die Geschichte hineinzieht) Buches ist: Das kontrollierte Leben und die Frage, inwieweit wir uns der Überwachung (sei es durch die Geheimdienste, sei es durch die soziale Kontrolle oder unsere Selbstzensur) entziehen können.
 
  „Hinter den Büschen, an eine Hauswand gelehnt“ spielt zur Zeit der Snowden Enthüllungen und es ist höchst aufschlussreich (und überaus gelungen) wie Zora del Buono schildert, wie die politisch korrekte College-Kultur auf diesen politisch Unkorrekten reagiert. Selten wurde mir nachvollziehbarer, dass der Muff von tausend Jahren unter den Talaren nach wie vor präsent ist, die akademische Welt noch immer Angst vor den Gefühlen hat, sinnestötend ist.
 
  Zora del Buono zu lesen, bedeutet, an einer hochdifferenzierten Auseinandersetzung mit dem Zeitgeist teilzuhaben. Eindrücklich beschreibt sie den Gesinnungsterror amerikanischer Bildungseinrichtungen („Bloss keinen Diskriminierungsverdacht am College aufkommen lassen....“), die polizeistaatliche Mentalität und Obrigkeitshörigkeit („.... Studenten durften nicht im Auto von Professoren mitfahren, falls ein Unfall geschah, die Versicherung, Klagen der Eltern, der Ruf des Colleges, das Übliche.“) und auch den gelegentlichen Widerstand dagegen.
 
  Besonders spannend fand ich den Hinweis auf die mir unbekannte Cindy Gallop und deren Ausführungen über den Einfluss der Pornografie auf das Intimleben der jungen Leute von heute. Ein weiterer Augenöffner waren die Anmerkungen zur Schweiz und zum Vatikan. „Die rot-weisse Flagge hing in ihrer vollen Quadratigkeit (eine weltweite Besonderheit, die sie nur mit jener des Vatikanstaats teilt; die Gemeinsamkeiten zwischen dem Vatikan und der Schweiz gehen natürlich über das Quadrat hinaus, schmutzige Bankgeschäfte, ein gewisser Elitarismus, die Tradition des Söldnertums, oder wie Marcus sagte: zwei Freakländer eben) und amerikanischer Grösse über mehrere Fenster des historischen Gebäudes.“
 
  Zentral an diesem Roman ist jedoch das Verhältnis von Vita und Zev. „Ich bin ein Mann, und du bist eine Frau, und alles ist möglich.“ Nur dass sich dann zeigt, dass es doch komplizierter ist, da die Prioritäten der beiden nicht kompatibel sind: Er sucht die Eindeutigkeit, sie hingegen das Unbestimmte; er braucht Halt, sie will Hingabe.
  Geschrieben ist das Buch aus der Perspektive der Frau und so erfährt man vor allem, was in ihr vorgeht, womit sie versucht zugange zu kommen. Ihre romantischen Ideale und ihre Eifersucht geraten in Konflikt; dass sie ihre liebenden Gefühle nicht in Frage stellt, wirkt überzeugend und verzweifelt.
 
  In Roland Barthes' „Fragmente einer Sprache“ findet sie eine unsentimentale Selbstbetrachtung, die „den Individualschmerz zu einem allgemeinen macht“ und sieht sich auch selber neu. Dabei wird ihr unter anderem auch bewusst, dass sie sich im Laufe der Jahre weniger verändert hatte als sie angenommen hatte, sie emotional noch weitgehend dieselbe war wie vor dreissig Jahren.
 
  Fazit: Ein gescheites und hellsichtiges dem Wesentlichen Nachspüren.

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