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Gabrielle Alioth
Gallus, der Fremde

Lenos
2018
246 Seiten
ISBN-13: 9783857874895
€ 22,-


Von Hans Durrer am 16.12.2018

  „Die Autorin dankt dem Katholischen Konfessionsteil des Kantons St. Gallen für die Unterstützung bei der Erarbeitung dieser Publikation. Der Verlag dankt der Kulturförderung Kanton St. Gallen für die Unterstützung“, lese ich und denke: So ist das heutzutage. Ein Buch zu schreiben reicht nicht, einen Verlag zu finden auch nicht. Gut, dass sich die beiden zu helfen wussten.
 
  Eine Fremde findet am Ende des 20. Jahrhunderts in Irland eine Heimat – und verliert sie wieder. Ein Ire verlässt im frühen siebten Jahrhundert Irland und wird zum Namensgeber der Stadt St. Gallen. Die beiden Geschichten zusammenzubringen, zu verbinden, bietet sich an, ja, drängt sich geradezu auf.
 
  Die Fremde dachte stets, dass sie ihre Heimat einmal verlassen würde „und die Insel unterschied sich am meisten von dem, was wir kannten.“ Sie wusste schon kurz nach ihrer Ankunft, dass sie so lange bleiben würde, wie sie konnte. Eine interessante Ausgangslage, denn das Andere, Unvertraute zu suchen, ist nicht immer das, was Exilanten vorschwebt. Sieht man sich etwa die Einwanderer Minnesotas (Skandinavier) oder Südbrasiliens (Deutsche, Italiener, Polen, Ukrainer) an, so hat man eher den Eindruck, diese Einwanderer hätten ihr vertrautes Gebiet am liebsten nicht verlassen und nun eines gesucht, das der Heimat möglichst ähnlich sah.
 
  Ich habe keinen Draht zu historischer Fiktion und deshalb Mühe, wenn die Autorin gleichsam für Gallus spricht, denn niemand kann wissen, was in einem anderen vor sich geht. Wir wissen ja selten genug, was in uns selber vor sich geht. „Gallus stand inmitten der Zurückbleibenden. Die Enttäuschung würgte ihn in der Kehle.“ „Das Herz schlug Gallus bis zum Hals, als er zu sprechen begann.“ „Gallus' Finger waren taub vor Kälte und er konnte die Knoten kaum lösen.“ . Andererseits, so verschieden voneinander sind wir dann doch auch wieder nicht und natürlich können wir uns in andere hineinfühlen beziehungsweise uns andere Leben imaginieren.
 
  In die Gallus-Geschichte bin ich zwar nicht richtig reingekommen (alles hat bekanntlich seine Zeit, gut möglich, dass es mir ein andermal gelingt), doch wie die Protagonistin und ihre Wahrnehmung geschildert wird, sprach mich sehr an. Vor allem dieser magische Moment, als sie weiss, dass sie ganz bei sich ist, hat es mir angetan. „... eine Gleichmut erfasste mich, die auch blieb, als das Wasser versickerte und den Unrat und die Zerstörung enthüllte. Demut nannte es Michael.“ Und, an anderer Stelle, mein Lieblingssatz: „Demut musste auch eine Form von Freiheit sein.“
 
  Michael ist ein Freund von ihr. Und auch von ihrem Mann Andres, mit dem sie auf die Insel gekommen ist. Er zeigt ihnen steinzeitliche Gräber, zusammen mit Andres baut er einen Turm.
 Was genau zwischen den drei spielt, hat sich mir nicht erschlossen. Auf mich wirkte es so: Der niemals pünktliche Michael steht tendenziell für Ungewissheit, der Uhren-fixierte Andres für Verlässlichkeit/Kontrollmanie. Die Frau, sie ist offener unterwegs als ihr Mann, wendet sich Michael zu, Andres stellt keine Fragen. Schlussendlich wenden sich die beiden Männer einander zu.
 
  Die Zeit, sagt Andres einmal, „ist die wichtigste Erfindung des Menschen, sie gibt uns eine Vergangenheit und eine Zukunft und bestimmt den Platz, an den wir gehören.“ Als seine Frau die Uhr, die er ihr zur Hochzeit geschenkt hat, am Strand verliert, ist er zutiefst irritiert, verliert er seinen Halt. Wer die Zeit so sieht, sieht sie als Terroristen. Ich selber neige eher zu Otto A. Böhmers launiger Definition in seinem „Frei nach Schopenhauer“, gemäss der die Zeit „ohnehin ein relatives Phänomen, das womöglich kaum mehr als ein Assistenzmedium des Menschen ist, der damit mehr Möglichkeiten bekommen hat, sich unter Druck zu setzen …“ bezeichnet wird.

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