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Nino Haratischwili
Die Katze und der General

Frankfurter Verlagsanstalt
2018
750 Seiten
ISBN-13: 978-3627002541
€ 30,-


Von Hans Durrer am 15.10.2018

  Sofort bin ich drin in diesem Roman, dem Sprachrhythmus, der Erzählkunst, der Fantasie dieser Autorin wegen. Und weil der Anfang dieses Roman in Tschetschenien spielt und ich von diesem Land fast gar nichts weiss, doch darauf neugierig bin. Und dann natürlich wegen der grossartigen Schilderung der siebzehnjährigen Nura, die weg will aus dem Dorf, in die Stadt.„Sie entdeckte, wie sie ihre Fantasie trainieren konnte, dressieren wie ein gehorsames Pferd.“ Beeinflusst und unterstützt wird sie dabei von Natalia Iwanowna, ihrer Lehrerin („Diese Frau schien nichts und niemanden zu brauchen, sie war voll von etwas, ein Etwas, das man nicht sehen, aber spüren konnte ...“), die ihr Mut machte („... sie solle unbeirrt ihrem Selbst folgen, ihr Ich nicht ausser Acht lassen, sich nicht verraten.“). Doch dann zieht eine russische Einheit in die Schlucht ein, in der ihre Familie lebt. Als der Tschetschenien-Krieg ausbricht, zerschellt ihr Traum.
 
  Mich packt dieses Buch nicht in erster Linie wegen der Geschichte von der Katze (dabei handelt es sich um eine junge Schauspielerin) und dem von der Vergangenheit heimgesuchten General, sondern weil ich immer wieder auf Sätze stosse, von denen eine ungeheure Intensität ausgeht, ein Lebenswillen, ja, ein Kampfgeist und ein Lebenshunger ohnegleichen spürbar wird.
 
  Doch auch die Geschichte hat es in sich und je mehr sie fortschreitet, desto mehr packt sie mich. Ein auf Osteuropa spezialisierter Journalist namens Onno mit einer Schwäche für Oligarchen („die inoffiziellen Zaren der Jahrhundertwende“) betritt die Bühne. Um dem General näherzukommen macht er sich an dessen Tochter und an die Katze ran – diese Schilderungen allein lohnen die Lektüre dieses Buches.
 
  Der für mich heftigste und aufwühlendste Teil dieses 750 Seiten Wälzers handelt von Ereignissen im ersten Tschetschenien-Krieg. Dabei geht es derart gewalttätig und grauenhaft brutal zu und her, dass ich manchmal fast nicht weiterlesen konnte. Es geht um Rache, um Sühne, um Abrechnung und um den Seelenfrieden, fiktiv zwar, doch nicht abgehoben und so überzeugend, dass man sich immer mal wieder im richtigen Leben wähnt.
 
  Speziell eindrücklich fand ich auch die Beschreibung des Damaskus-Moments des Generals (auch die Katze hat übrigens so einen Moment). „Er oder vielmehr sein Körper erinnerte sich an diese somnambule Erkenntnis jenes Augenblicks, als er aus der Scheune getreten war und mit jeder Faser seines Körpers gespürt hatte, wie die Angst, der ständige Begleiter seines Lebens, abgerissen war.“ Solche Situationen, in denen einem auf einmal (und ohne dass man genau sagen könnte warum) klar ist, ganz klar ist, was zu tun ist und in welche Richtung man zu gehen hat, zeugen von der praktischen Lebenserfahrung der Autorin (die sie übrigens wohltuend von ihren Kritikern, die ihr Klischeehaftigkeit sowie mangelnde Psychologie vorwerfen, unterscheidet).
 
  Einmal lässt sie den Journalisten Onno auch sagen. „Ich schrieb über die Sprengstoffanschläge, die damals Moskau erschütterten, ich schrieb über die Verlierer und die Gewinner des Goldfiebers, ich schrieb über die Fratzen, die das neue Leben zu zeigen begann, und doch schrieb ich immer über mich, über meine Sehnsucht nach einem Platz in dieser Welt.“ Das charakterisiert eigentlich alle, die schreiben, auch die Damen und Herren vom Feuilleton.
 
  „Die Katze und der General“ ist mein erstes Buch von Nino Haratischwili, die 1983 in Tbilissi geboren wurde und heute mit ihrer Familie in Hamburg lebt und schreibt. Was mich vor allem für dieses Werk einnimmt, ist, dass die einzelnen Personen dermassen überzeugend geschildert sind, dass ich mich in jede (ja, in jede) bestens einfühlen konnte. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das zum letzten Mal so stark erlebt habe.
 
  Dieses Buch ist eine höchst intensive Lebensauseinandersetzung, ich jedenfalls lese es so. „... ich denke einfach nicht in solchen Kategorien. Jeder ist genauso gut wie schlecht, genauso falsch wie richtig, es sind nur Begriffe, die erschaffen wurden, damit man Menschen besser steuern und kontrollieren kann, ob ich gesellschaftlichem, religiösem oder politischem Zusammenhang. Mit diesen Begriffen kann man andere manipulieren, sie sind formbar je nach Kontext und Zeit.“ Eine zeitlose Wahrheit, von dringender Aktualität.
 
  „Die Katze und der General“ ist ein in jeder Hinsicht gewaltiges Buch!

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