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André Heller
Uhren gibt es nicht mehr
Gespräche mit meiner Mutter in ihrem 102. Lebensjahr

btb
2018
112 Seiten
ISBN-13: 978-3442716982
€ 9,-


Von Hans Durrer am 22.08.2018

  André Heller gehört für mich zu den begabtesten Verkaufstalenten unserer Zeit, kaum einer versteht es wie er, seine vielfältigen Talente zu den Leuten zu bringen, sie Geld und Ruhm bringend zu vermarkten. Mir sind von ihm vor allem vier Sprüche geblieben – oder sind sie vielleicht gar nicht von ihm? Wie auch immer, ich bringe sie mit ihm (neben Erika Pluhar und Gertraud Jesserer, dem Zirkus Roncalli und dem Garten in Marokko) in Verbindung. Ich zitiere aus dem Gedächtnis:
 
  „Auf den Strich zu gehen und eine Linie zu haben, ist nicht dasselbe.“
 
  „Trifft ein Wolf im Wald auf einen Wolf, so denkt er: Ah, sicher ein Wolf. Trifft ein Mensch in einem Wald auf einen Menschen, so denkt er: Ah, sicher ein Mörder.“
 
  „Aufgrund der geistigen und moralischen Situation des Landes, beantragte ich, Österreich in Österarm umzubenennen, doch Bundeskanzler Kreisky meinte, dafür liesse sich schwerlich eine Mehrheit finden.“
 
  „Meine Damen und Herren, ich gebe ihnen das Wertvollste, das ich habe: meine Zeit.“
 
  Der Mann hat Witz und Verstand. Schön, dass es ihn drängt, die Welt daran teilhaben zu lassen. Und auch seine Mutter, mit der er in ihrem 102. Lebensjahr kurze Gespräche (insgesamt achtzehn versammelt dieser Band) geführt hat, hat Witz und Verstand. Gut also, dass es dieses lebenskluge, berührende und wunderbar amüsante Buch gibt.
 
  Elisabeth Heller erinnert sich unter anderem an Hedy Lamarr, die österreichisch-amerikanische Filmschauspielerin, von der man in einer Fussnote erfährt, dass sie „gemeinsam mit dem Komponisten George Antheil das Frequenzsprungverfahren erfand, das bis heute in der Mobilfunktechnik eine Rolle spielt.“ Mit anderen Worten: Man erfährt auch höchst Verblüffendes.
 
  Alltägliches (die Nachrichten hält Frau Heller für „Wiederholungen von Dummheit und Hass“) und Philosophisches („Im ganzen Leben wird zu wenig auf die Nebenwirkungen geschaut, auch bei den Partnern und was man den Kindern zumutet.“) wechseln sich ab und als der Sohn der Mutter rät, über ihre Gedanken zu den Nebenwirkungen ein Buch zu schreiben, wehrt sie ab, sie habe jetzt anderes zu tun. „Einfach so sein. Wenn das Fenster offen ist, höre ich die Vogerl schön singen. Ich glaub nicht, dass die an morgen oder gestern denken.“
 
  Die Menschen würden sich in ihrer Wichtigkeit häufig überschätzen, meint sie und rät den Politikern, Managern und Religionsführern in klaren Nächten den Sternenhimmel zu betrachten, auf dass sie erahnen wie nicht alles Irdische ist. „Was ist Wesentliche?“, fragt der Sohn einmal. „Dass man nichts überstürzt. Ein Schritt nach dem andern, und von den Menschen muss es handeln.“
 
  „Uhren gibt es nicht mehr“ lässt auch die gegenseitige Zuneigung und Wertschätzung von Mutter und Sohn spüren. Es ist ein sehr schönes Beispiel für fühlendes Denken.

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