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Tom Franklin
Krumme Type, krumme Type
(Crooked letter, crooked letter)

Pulp Master
2018
Übersetzt von Nikolaus Stingl
350 Seiten
ISBN-13: 978-3927734999
€ 15,80


Von Hans Durrer am 16.08.2018

  Die neunzehnjährige Studentin Tina Rutherford, Tochter eines vermögenden Sägereibesitzers, ist auf dem Weg zur Ole Miss, wo sie im ersten Studienjahr eingeschrieben war, verschwunden. Der junge schwarze Constable Silas Jones, genannt 32 („Was bist du denn so bedrückt?“, fragte sie, als die Kellnerin gegangen war. „Die Zeitung hat dich doch nicht etwa schon wieder 31 genannt?“), stapft auf der Such nach ihr im Wald herum – und wie der Autor Tom Franklin das schildert, hat meine ganze Sympathie, denn er nimmt sich Zeit, schildert detailreich und anschaulich die Natur. „Das Unterholz lichtete sich, die Luft wurde heisser und stickiger, und plötzlich hatten die Bäume die Arme auseinandergerissen, sodass ein hoher, weisser Himmel sichtbar wurde, jäh aufschimmernde, gefällte Stämme, Ansammlungen dampfender Giftpilze, Mückenwolken, nasse, wie Spiegel funkelnde Blätter und die glühenden Fäden eines Spinnennetzes.“
 
  Doch nicht nur die Natur im Süden der Vereinigten Staaten schildert der Autor höchst eindrücklich (ich lerne unter anderem dass die Kälte Bäume entzweibricht), sondern auch die sozialen Begebenheiten im ländlichen Mississippi. Genau und unprätentiös erzählt er vom gemischtrassigen Aufwachsen in Amerikas Süden, von den Unsicherheiten, vom Sich-Beweisen-Müssen und dem alltäglichen Rassismus, bei dem es vor allem um Macht geht.
 
 Doch zur Geschichte:
  In Chabot, Mississippi, ist schon einmal eine junge Frau verschwunden. Vor fünf Jahren blieb die junge Cindy Walker nach einem Date mit Larry Ott verschwunden. Larry wurde zwar nie verurteilt, doch er wurde fortan gemieden und wurde zum Aussenseiter. Wir erfahren wie und in was für Verhältnissen der weisse, Bücher verschlingende asthmatische Stotterer Larry und der farbige Baseball-Star Silas, dem seine Mutter den Kontakt mit Larry untersagt, in dem hauptsächlich von farbigen Arbeitern bewohnten Chabot aufwachsen und ein Leben lang miteinander verbunden bleiben – es ist dies ein anderes (und weit vielschichtigeres) Amerika als es uns die Massenmedien vermitteln.
 
  Die beiden verschwundenen jungen Frauen dienen dem Autor als Aufhänger für diese Geschichte, doch es ist nicht die Frage nach deren Schicksal beziehungsweise nach dem Täter oder den Tätern, die sie lesenswert macht (wobei auch dies durchaus spannend ist, vor allem, weil der Autor die Erwartungshaltung der Leser, Frauen wie Männer, geschickt unterläuft), sondern das Hin und Her zwischen Vergangenheit und Gegenwart, das ein Mississippi aufscheinen lässt, in dem die meisten Menschen so sind wie anderswo auch – voreingenommen und darauf aus, die eigene Sichtweise zu rationalisieren.
 
  Aus der Hirnforschung wissen wir, dass das menschliche Gehirn binär unterwegs ist und sich ganz automatisch an Extremen ausrichtet. Gut und Schlecht, Hoch und Tief, Schwarz und Weiss – dabei geht oft vergessen, dass die graue Fläche dazwischen, die sich, wenn man genau hinschaut, in unzähligen Schattierungen zeigt, den wesentlich grösseren Raum einnimmt. Diese vielen und ganz unterschiedlichen Grautöne führt Tom Franklin in diesem Roman vor.
 
  Ein überzeugendes und höchst gelungenes Buch, das einem die soziale Realität im Süden der USA auf eine Art und Weise – nüchtern, detailliert und voll menschlicher Anteilnahme – vor Augen führt, dass man ihr so recht eigentlich nur mit Sympathie begegnen kann. Und witzig ist „Krumme Type, Krumme Type“ auch immer mal wieder. „Ich war letztes Jahr wegen Gallensteinen hier, und sie haben mich mit einem alten Knacker zusammengelegt, der unentwegt gefurzt hat. Er war stocktaub und wusste gar nicht, wie laut seine Fürze waren.“
 
  Fazit: Ein echt tolles Buch!
 
  PS: Die extrem kleine hellgrüne Schrift (nur mit der Lupe zu lesen!) auf dem Buchrücken würde bei einem Wettbewerb um den Leser-unfreundlichsten Buchrücken zweifellos weit vorne mitmischen.

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