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Ernst Dronke
Polizeigeschichten

Walde und Graf
2018
192 Seiten
ISBN-13: 978-3946896227
€ 18,-


Von Hans Durrer am 16.08.2018

  „Ernst Dronke, enger Wegbegleiter von Karl Marx und Friedrich Engels während des Revolutionsjahres 1848, war einer der scharfsinnigsten Erzähler und Journalisten seiner Zeit“, lässt der Verlag wissen und bezeichnet die nun vorliegenden „Polizeigeschichten“ als „schlaglichtartig“, was immer das heissen mag.
 
  Doch weshalb sollte man (spezialisierte Historiker einmal ausgenommen) solche so lange zurückliegende True-Crime-Stories eigentlich lesen? Einmal, weil dieser Autor ganz wunderbar zu erzählen weiss. Dann aber auch, weil diese Geschichten so recht eigentlich ein Sozialporträt der damaligen Zeit liefern. Und nicht zuletzt wegen des Autors Menschlichkeit – man glaubt geradezu das Leid der von ihm geschilderten Menschen zu spüren.
 
  Nehmen wir die erste Geschichte, „Armuth“ (die damals geltende Schreibweise wurde unverändert übernommen) „und Verbrechen“, die vom Tischler Fritz Schenk handelt, der eines Tages von einem vermögenden Mann angefahren wird und seither den zweimal gebrochenen Arm nicht mehr so wie zuvor bewegen kann. Er verliert seine Stelle, weiss nicht, wie er Frau und Kind durchbringen soll, wird in seiner Verzweiflung kriminell.
 
  Ernst Dronke schildert den Tischler als einfachen und ehrlichen Mann, der sich anstrengt, als anständiger und aufrechter Mann durchs Leben zu gehen, doch wird ihm nach und nach klar, dass da noch ganz andere Kräfte am Werke sind, dass einem Untugenden (als Tugenden getarnt) besser durchs Leben helfen als Anstand und redliches Sich-Bemühen. Die Schilderung des vermögenden Mannes, den der Tischler um Unterstützung bittet, könnte aus dem Parteiprogramm der sogenannt freiheitlichen Parteien stammen. „Es ist besser, dass Ihr Euch von vorneherein daran gewöhnt, selbst zu sorgen und zu arbeiten, statt dass Ihr durch Unterstützungen, die doch einmal aufhören müssen, im Faulenzen bestärkt und für die Zukunft verdorben werdet!“ So reden Leute mit Geld auch heute noch, weltweit.
 
  Die zweite Geschichte zeigt eindrücklich, wie ein unbescholtener Mann, der von seinem Naturell her nichts ins herrschende soziale System passt, schikaniert und regelrecht fertig gemacht wird. Auch bei dieser Geschichte (wie auch bei der nachfolgenden mit dem Titel „Die Sünderin“) gelingt es dem Autor hervorragend, aufzuzeigen, dass zwar Einzelne Entscheide treffen, doch diese sich in der Folge verselbstständigen und zu Resultaten führen, die weder jemand gewollt, noch hat voraussehen können.
 
  Insgesamt versammelt der Band sieben Geschichten, die alle davon handeln, wie wohlmeinende Menschen zu Opfern der Umstände werden, genauer: der damals herrschenden Sitten und Gebräuche wie auch des damaligen Rechts.
 
  Diese „Polizeigeschichten“ sind vor allem deswegen eindrückliche Sozialreportagen, weil sie die Welt nicht einfach in Gut und Schlecht unterteilen, sondern aufzeigen, dass System-Mechanismen am Werk sind, die das Leben von allen bestimmen und denen sich niemand ganz entziehen kann, auch wenn des Autors Sympathien klar auf Seiten der Benachteiligten liegen.
 
  „Herr Dronke, der als Berliner Literat selbst gewaltige Kämpfe mit dem Polizeipräsidio bestanden, konnte hier aus eigener Erfahrung sprechen“, schrieb Friedrich Engels im Jahre 1847. Vermutlich ist das auch der Grund, weshalb sich diese Geschichten auch heute noch überaus spannend lesen.

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