Hauptseite
Rezensionen
Autoren
Themen
Reportagen
Meldungen
Links
Kontakt
Newsletter
Lee Child
Im Visier
(Personal)

Blanvalet
2018
Übersetzt von Wulf Bergner
416 Seiten
ISBN-13: 978-3764506360
€ 20,-


Von Hans Durrer am 28.07.2018

  Wie viele Jack-Reacher-Romane ich gelesen habe, weiss ich nicht mehr (es waren einige), doch bisher ist mir nie aufgefallen (jedenfalls erinnere ich mich nicht), dass ich sie auch witzig gefunden hätte. Beim vorliegenden „Im Visier“ muss ich jedoch bereits auf den ersten Seiten einige Male schmunzeln. Wegen Sätzen wie dieser: „Wir sassen beide stumm da, als wollten wir einander beweisen, dass der eine länger schweigen konnte als der andere.“ „Shoemaker war zwanzig Jahre gealtert, was mich nicht verwunderte, weil ich ihn vor zwanzig Jahren zuletzt gesehen hatte.“ „O'Day schien überhaupt nicht gealtert zu sein. Er sah noch immer wie hundert aus.“
 
  Auf den französischen Präsidenten ist geschossen worden. Aus grosser Distanz, mit einem amerikanischen Geschoss. Nur wenige Scharfschützen kommen in Frage. Einen von ihnen hat Jack Reacher ins Gefängnis gebracht („... ich zu dem Schluss kam, der Mann werde von einer unglaublichen Arroganz gesteuert. Und er konnte nicht zwischen Dienst und Privatleben unterscheiden. 'Wer sich dir entgegenstellt, verdient zu sterben', ist ein Schlachtruf, kein Motto für den Alltag.“), doch seit Kurzem ist er wieder auf freiem Fuss.
 
  John Kott (so heisst der Scharfschütze) hat seine Zeit im Gefängnis genutzt, Yoga und Meditation praktiziert und täglich trainiert, ist fitter herausgekommen als er hineingegangen ist. Jack Reacher soll ihn finden. Die taktische Planung erfolgt in Fort Bragg, einem der grössten Stützpunkte der US-Armee in North Carolina. Reacher kommentiert sie lakonisch: „Letztlich bestand die taktische Planung dann daraus, dass ich meine Klappzahnbürste aus dem Bad holte und mir Kotts letzte bekannte Adresse aufschrieb.“
 
  Ein Attentat auf das G-8 Treffen in London wird erwartet, Reacher nach Paris geschickt, um mit Kollegen Vorbereitungen zu treffen. Lee Child kennt die französische Hauptstadt offenbar bestens, dies seine Schilderung der Verhältnisse: „Eine schmale Pariser Strasse, Durchschnittstempo über sechzig, neunzig Prozent der Autofahrer mit ihren Handys telefonierend.“ Und auch mit London, wo „Im Visier“ hauptsächlich spielt, kennt er sich aus.
 
  Die Jagd nach dem Scharfschützen, der auf Rache sinnt und es so recht eigentlich auf Reacher abgesehen hat, ist so schnell, spannend und immer wieder überraschend geschildert, wie man es von Lee Child gewohnt ist. Was mir bei „Im Visier“, von Stephen King als „Der bislang beste Jack-Reacher-Roman“ bezeichnet, besonders auffällt und gefällt, ist das Drumherum. Wie er etwa die Rostlaube der CIA-Mitarbeiterin Casey Nice schildert, die sie für 22 Dollar gekauft hat. „Sie leitete den Bremsvorgang ein, der darin bestand, dass sie das Bremspedal durchtrat und dann wie verrückt pumpte. So rumpelten wir auf den Parkplatz und kamen glücklich zum Stehen. Sie stellte den Motor ab, zog den Zündschlüssel heraus. Der Motor lief fast eine halbe Minute weiter, bevor er rüttelnd abstarb.“ Oder wie realitätsnah er die Welt vor den Toren von Fort Bragg schildert, die von Unternehmen besiedelt ist, „die ausschliesslich auf den Geschmack und die finanziellen Möglichkeiten von Soldaten und Soldatinnen abzielten. Ich sah Pfandhäuser und Imbissbuden, Gebrauchtwagenhändler und Läden für Prepaidhandys, Dollar Stores und Videoverleihe, Bars und Salonbars jeglicher Couleurs.“
 
  „Im Visier“ ist überdies lehrreich, informiert etwa darüber, weshalb Gruppenfotos bei G8-Treffen im Freien aufgenommen werden (obwohl da Attentate wahrscheinlicher sind, gilt es zu zeigen, dass man sich nicht aus Angst versteckt) oder dass in London ein Viertel aller weltweit existierenden Überwachungskameras installiert sind. Und dass auch CIA-Agenten ihre Angstzustände mit Psychopharmaka bekämpfen.
 Ein sehr gelungener Roman mit einem überraschenden Schluss.

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

Wenn Sie zu diesem Buch auch eine Kritik schreiben wollen, senden Sie diese bitte per eMail. Diese Mail geht an den Betreiber dieser Seite!
Mails an den Autor der Kritik sind nur möglich, wenn dessen Name ein Link ist. Mit dem Link gelangen Sie zum Portrait des Rezensenten, wo meist auch seine eMail-Adresse zu finden ist. Andernfalls ist keine Kontaktaufnahme erwünscht oder möglich.