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Dominique Manotti
Kesseltreiben
(Racket)

Ariadne
2018
Übersetzt von Iris Konopik
400 Seiten
ISBN-13: 978-3867542319
€ 20,-


Von Hans Durrer am 23.07.2018

  Ein Manager des französischen Energiekonzerns Orstam wird am New Yorker Flughafen verhaftet, in Montreal kommen zwei zwielichtige Geschäftsleute gewaltsam zu Tode und ein anderer Geschäftsmann flieht auf die Cayman Islands. Dominique Manottis „Kesseltreiben“ beginnt rasant und wie sie Grand Cayman beschreibt, zeigt höchst anschaulich, zu was für Absurditäten der Kapitalismus führt. „Eine platte Insel, reizlos, mit dürftiger Vegetation und einer verblüffenden Konzentration von offen zur Schau gestelltem Reichtum, Maseratis, Ferraris, Rolls-Royce zu Dutzenden auf der einzigen geteerten Strasse der dreissig Kilometer langen Insel. Am Flughafen stauten sich Privatjets, Fünfzig-Zimmer-Villen, ganzjährig so gut wie unbewohnt.“
 
  Hat der Konzern seinen Angestellten in New York in eine Falle gelockt? Und falls ja, weshalb? Auffallend ist jedenfalls, dass die Führungsspitze sich nicht um seine Freilassung bemüht. Doch die Gewerkschaften setzen sich für ihn ein. Und ein amerikanischer Konzern, der sich erpresserischer Praktiken bedient („Erpressung ist in der amerikanischen Geschäftswelt eine alte Tradition.“), kommt ins Spiel.
 
  „Kesseltreiben“ klärt unter anderem darüber auf wie die Krisenkommunikation grosser Konzerne funktioniert, wie es bei der Polizei zu und her geht (man arbeitet im Team, der einsame Bulle ist ein Mythos), wie die amerikanische Justiz vom Geld regiert wird. Kaum ein Thema, das heutzutage (nicht nur medial) eine Rolle spielt, wird ausgelassen. Der Bruder der Polizistin Noria Ghozali, der sich dem IS anschliesst (was natürlich für sie Konsequenzen hat); die Deals der Gelegenheitskriminellen mit verschnittenen Drogen und Viagra; der Transvestiten-Strich im 'Bois de Boulogne'; die getriebenen und gehetzten Leute in den Konzernen, von denen nicht wenige dem Alkohol, Kokain und Sex verfallen sind; der gehobene Staatsdienst, der als Gelegenheit gesehen wird, Beziehungen für danach zu knüpfen etc. etc. Dominique Manotti zeigt eine sehr reale, brutale, rücksichtslose und gewalttätige Welt, von der viele nichts wissen. Und deshalb ihre Krimis lesen sollten.
 
  Nicht nur mit Noria Ghozali, die aus ihrer gewalttätigen Familie ausgebrochen ist, sind Manotti-Leser (weiblich wie männlich) aus früheren Werken vertraut, sondern auch mit dem mittlerweile pensionierten Théo Daquin, der jetzt am Sciences-Po unterrichtet und so druckreife Zusammenfassungen wie diese hier gibt: „Dieses Jahr befasse ich mich mit der wirtschaftlichen Expansionsstrategie der Amerikaner, die auf allen Hochzeiten tanzen. Sie gewinnen, indem sie mit dem Verbrechen kollaborieren, und sie gewinnen, indem sie es ahnden. Ihr Justizsystem ist faszinierend.“
 
  Eine mich ganz besonders ansprechende Szene ereignet sich bei der Vernissage einer Fotoausstellung, bei der der Fotograf Bastien Marquet, der Freund von Théo Daquin, Noria Ghozali erläutert, wie er es schafft, auf seinen Porträts Momente der Ehrlichkeit einzufangen. „Während der Sessions sprechen wir über die Kunstwerke um uns herum, und indem meine Modelle mehr oder weniger ehrlich über ihre erklärte Leidenschaft sprechen, entblössen sie sich.“ Derselbe Jagdinstinkt, denkt Noria so bei sich, prägt auch ihr eigenes (Berufs)Leben.
 
  „Kesseltreiben“ ist so recht eigentlich ein Blick auf die soziale Realität des heutigen Frankreich. Genauer: Ein Blick auf die verschiedenen sozialen Realitäten, denn schliesslich ist das Leben in den 'Banlieus' ziemlich anders als was in einem international operierenden Industrieunternehmen so abgeht, wobei – die Menschen sind sich überall ähnlich und anständige gibt es in allen Schichten und auch das Gespür für Ungerechtigkeiten ist all überall anzutreffen.
 
  Das alles ist sehr spannend erzählt, Dominique Manotti ist eine Meisterin der cleveren Übergänge, weiss, wie man mit knappen Sätzen Atmosphäre schafft. Sehr schön auch, dass am Ende des Buches Hintergrundinfos und aufschlussreiche Links zu finden sind
 
  Dominique Manotti ist – wieder einmal – eine Klasse für sich!

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