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Domenico Starnone
Auf immer verbunden
(Lacci)

DVA
2018
Übersetzt von Christiane Burkhardt
176 Seiten
ISBN-13: 978-3421048073
€ 18,-


Von Hans Durrer am 23.07.2018

  „Falls du's vergessen haben solltest, mein Lieber, muss ich dich eben erinnern: Ich bin deine Frau,“ Mit diesem Satz beginnt Domenico Starnones „Auf immer verbunden“ und es denkt in mir, oh nein, furchtbar, so redet doch niemand, das ist mir zu künstlich, zu aufgesetzt, zu pädagogisch und lese dann trotzdem weiter, obwohl ich doch, dies meine zweite Voreingenommenheit, vom letzten Buch von Jhumpa Lahiri, die diesen Roman als poetisch preist, nicht so wirklich überzeugt gewesen bin, ganz im Gegensatz zu ihren früheren Sachen. Langer Rede kurzer Sinn: Gelegentlich gilt es, sich einen Schubs zu geben und Voreingenommenheiten zu überwinden. Und manchmal lohnt sich das. Im Falle von Domenico Starnones „Auf immer verbunden“ lohnt es sich.
 
  Der Auftakt bildet eine mehrseitige, der Angst vor dem Alleinsein/Verlassenwerden geschuldete, überaus farbige Tirade in Richtung des treulosen Ehemanns Aldo, der Vanda und ihre gemeinsamen minderjährigen Kinder, Anna und Sandro, der 19jährigen Lidia wegen verlassen hat.
 
  Das eigentliche Buch beginnt mit zwei ganz wunderbaren Ereignissen, die davon handeln, wie Aldo, mittlerweile über 70 und wieder mit Vanda zusammen, hereingelegt wird. Klar doch, wir sind in Italien, wo das raffinierte Betrügen als Lebenskunst gilt.
 
  Als Vanda und Aldo von einer Ferienwoche nach Hause zurückkehren, finden sie eine verwüstete Wohnung vor. Gestohlen wurde nichts, doch die Polizei meint, das wären wohl Zigeuner auf der Suche nach Gold gewesen, die wütend geworden, weil sie keines gefunden hätten, alles kurz und klein geschlagen hätten. Köstlich, die Schilderung des Besuchs von Aldo und Vanda, zusammen mit ihrem über 90jährigen Nachbarn, einem ehemaligen Richter, auf der Polizeiwache. „Der Geltungsdrang unseres Nachbarn ging mir auf die Nerven, und ich wollte dem jungen Mann klarmachen, dass auch ich nicht einfach irgendwer war.“
 
  Beim Aufräumen der Verwüstung fallen Aldo Briefe von Vanda in die Hände, die aus der Zeit stammen, als er mit Lidia lebte. Der Rückblick geht auf die vielfältigen Aspekte ihrer Trennung ein, mit der vor allem Vanda nur schwer klarkommt. Sie ist verletzt, leidet, versteht überhaupt nicht, was da vorgeht, wie Aldo ihr und den Kindern das antun kann. Sie macht, genauso wie Aldos Mutter, die auch unter ihrem Mann gelitten hat, einen Selbstmordversuch – eine etwas arg gesuchte Parallele, wie ich finde.
 
  Aldo macht bei der ganzen Geschichte eine wenig überzeugende, egoistische Figur. Überzeugend ist er hingegen (in der ersten Hälfte der Geschichte) als Vertreter einer Generation, der Selbstverwirklichung näher steht als verantwortungsvolles Handeln. Weder will er sich scheiden, noch von Lidia ablassen, bis schliesslich Vanda die Scheidung einreicht. So lebendig er sich mit Lidia fühlt, zunehmend zweifelt er auch, ist eifersüchtig. Meine Lieblingsszene (weil Lidias Antwort so wahr ist) ist diese hier:
 
  „Warum bist du mit mir zusammen?“. Wollte ich von ihr wissen.
  „Weil es sich so ergeben hat.“
  „Das heisst doch nichts!“
  „Es ist aber nun mal so.“
  „Und wenn irgendwann mal alles aus ist?“
  „Versuchen wir dafür zu sorgen, dass es gar nicht erst soweit kommt.“
 
  Im zweiten Teil dieses Romans zeigt sich jedoch ein anderer Aldo. Zurückgekehrt zu Vanda erweist er sich als feiger, rückgratloser Anpasser und seine Frau sich als eigensinniger, sturer, leicht irritierbarer Drachen. Doch natürlich ist, was Domenico Starnone schildert, wesentlich komplexer. „Sobald man sich zwingt, etwas klar und deutlich auszusprechen, merkt man, dass es nur deshalb deutlich ist, weil man es vereinfacht hat.“
 
  Im dritten Teil kommen dann die Kinder Anna und Sandro zu Wort und man beginnt zu verstehen, dass alles miteinander verknüpft ist und letztlich nicht auflösbar ist. „Sie haben sich in unseren Köpfen eingenistet, und egal was wir sagen oder tun: Wir werden ihnen auch weiterhin gehorchen.“
 
  Ein überzeugend konstruierter, höchst gelungener, von Christiane Burkhardt sehr schön übersetzter Roman.

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