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Lionel Shriver
Eine amerikanische Familie
(The Mandibles)

Piper
2018
Übersetzt von Werner Löcher-Lawrence
496 Seiten
ISBN-13: 978-3492058216
€ 24,-


Von Hans Durrer am 24.06.2018

  Nicht wenige haben heutzutage das Gefühl, dass die Dinge aus dem Ruder laufen, die Welt, jedenfalls die gewohnte, dabei ist, sich aufzulösen. Dass Egomanen an der Spitze von demokratisch regierten Ländern stehen, war zwar schon immer so, aber noch nie (so scheint es) haben sie so offensichtlich gewütet. Trotzdem geht es den Menschen in den Konsumwelt-Systemen noch bestens, doch was, wenn die globale Wirtschaft zusammenbricht und dem Nationalismus weichen muss? Lionel Shriver hat sich das vorgestellt und darüber einen differenzierten und komplexen Roman geschrieben, der sich nicht zuletzt durch ganz viele clevere Einsichten auszeichnet, die für mich zum Markenzeichen dieser Autorin gehören.
 
  „Vielleicht lernte man jemanden erst dann richtig kennen, wenn er nicht mehr bekam, was er wollte.“
 
  „Es war nichts Erstaunliches daran, dass Dinge nicht funktionierten und zerfielen. Versagen und Verfall waren der natürliche Zustand der Welt. Erstaunlich war eher, dass überhaupt etwas wie beabsichtigt funktionierte, für wie lange auch immer.“
 
  Doch worum geht's?
  Es ist das Jahr 2029.
  Erzählt wird das Schicksal der Familie Mandible bestehend aus dem vermögenden, in zweiter Ehe verheirateten, steinalten Familienpatriarchen, dessen über 70jährigen Sohn und der in Paris lebenden Tochter sowie deren Nachkommen Florence, Avery und Jarred.
 
  Florence Mandible, lebt mit ihrem Freund Esteban und dem dreizehnjährigen Sohn Willing in Brooklyn und arbeitet, nachdem viele ihrer Jobs wegrationalisiert wurden, in einem städtischen Obdachlosenheim in Fort Greene. „Das Einzige, was in New York City nie ausgehen würde, waren Obdachlose.“
 
  Trinkwasser ist knapp, das Land hoch verschuldet, niemand will zu den Alten gehören, die meisten Zeitungen gehören der Vergangenheit und hatten „einem Gesindel von Amateuren Platz gemacht, die ungeprüfte Geschichten verbreiteten, und das so gut wie immer zu ideologischen Zwecken.“ Nur die Nachrichten hatten überlebt.
 
  Die 'New York Times' gibt es nicht mehr, Internethandel gibt es nicht mehr (alles lässt sich mittlerweile downloaden), dafür gibt es fahrerlose Autos, wodurch Alkohol- und Drogenmissbrauch am Steuer praktisch eliminiert worden sind. Doch nicht alle sind vom Wandel gleich betroffen. „Eine Latina am Empfang eines Altenheims gehörte eher zu denen, die einfach so durch die Krise segelten, in seliger Ignoranz, dass es überhaupt eine war. So jemand hatte kein Vermögen zu verlieren.“
 
 China hat die USA als grösste Wirtschaft der Welt abgelöst. Der Dollar ist kollabiert, darf nicht mehr ausgeführt werden. Der Jetstream über Nordamerika ist weggesackt, in Florida erfrieren Zitronen und Avocados. Die USA gelten international als Schurkenstaat und Lowell, seines Zeichens Wirtschaftswissenschaftler, erklärt seiner Tochter, dass apokalyptische Vorhersagen mehr über die Gegenwart als über die Zukunft aussagen. „In Wahrheit werden die Dinge im Laufe der Geschichte aber besser und besser.“ Das wissen wir aus der Vergangenheit, doch kann dies ein verlässlicher Indikator für die Zukunft sein?
 
  Dass das amerikanische System zusammenbricht, finden nicht alle schlecht, einige erfüllt es mit Hoffnung, sie sehen es als Chance für einen gerechteren Neubeginn, bei dem den schreienden wirtschaftlichen Ungleichheiten endlich der Garaus und mit den amerikanischen Grundüberzeugungen – „Wir halten diese Wahrheit, dass alle Menschen gleich sind, für selbstverständlich.“ – ernst gemacht wird. Bis dann die Realität mit diesen idealistischen Ideen kurzen Prozess macht...
 
  Armeeangehörige im Kampfanzug machen auf der Suche nach verstecktem Gold Hausdurchsuchungen. Auch bei Florence, Esteban und Willing. „'Was zum Teufel machen diese Arschlöcher in unserem Haus?' Esteban hatte ein tödliches Autoritätsproblem.“ Sofas werden aufgeschlitzt, Drucke und Bilder von den Wänden genommen. „Sie zogen die Bücher vom Regal, blätterten sie durch und schienen nicht glauben zu können, dass man so etwas aufbewahren konnte, ohne etwas darin verstecken zu wollen.“ Ich liebe diesen Humor! Und gerade noch ein Beispiel: „Anstelle der alten Läden fanden sich da nur noch Pilatesstudios, Yogazentren und Hundefrisöre.“
 
  Die Preise steigen ins Astronomische, Familienstreitigkeiten darüber, wem was zusteht sowie der Verlust von Anstand und Höflichkeit, werden zur Tagesordnung. Auswandern nach Frankreich scheint auch keine Option, wie die Mandible-Tochter berichtet. „Früher haben sie uns gehasst, dass wir so unhöflich waren und dass wir die Welt beherrschten, heute hassen sie uns, weil wir sie nicht mehr beherrschen. Plötzlich sind wir hinterlistige Diebe, die das gesamte internationale Währungssystem an den Rand des Zusammenbruchs gebracht haben, und allein Putin und Co mit dem mutigen Bancor haben die Rettung gebracht. Es ist eigenartig persönlich geworden.“
 
  Lionel Shriver, eine sehr eigenständige Denkerin, ist mit der Schilderung dieser Apokalypse eine höchst eindringliche Warnung gelungen, allerdings mit ein wenig arg vielen Familiendebatten über Finanz- und Wirtschaftsthemen. Nichtsdestotrotz: „Eine amerikanische Familie“ ist ein gut geschriebenes und wichtiges Buch, das dazu beiträgt, uns bewusst zu machen, dass Lebensmittel in Supermarktregalen und sichere Strassen keine Selbstverständlichkeiten sind. Die Zivilisation ist eine Errungenschaft, wir sollten pfleglich mit ihr umgehen.

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