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Daniel Levin
Alles nur ein Zirkus
Fehltritte unter Mächtigen

Elster Verlag
2018
264 Seiten
ISBN-13: 978-3906903071
€ 32,-


Von Hans Durrer am 24.05.2018

  Daniel Levin, geboren 1963, arbeitet seit über zwanzig Jahre weltweit für Regierungen und Institutionen als Berater für wirtschaftliche Entwicklung und politische Reformen. Wie kommt ein in der Schweiz ausgebildeter Jurist, der heute mit seiner Familie nahe New York City lebt, zu einem solchen Job?
 
  Nachdem er einige Jahre Achtzig-Stunden-Wochen bei einer New Yorker Anwaltskanzlei absolviert hat, macht er sich mit einem Partner selbständig. Ihre Kanzlei wirbt unter anderem mit Finanzmarktwissen, einer Plattform mit einem Programm zur Finanzbildung sowie nachhaltigen Entwicklungsprojekten, wird von raffinierten Hochstaplern kontaktiert und fällt immer mal wieder auf diese herein.
 
  Obwohl Daniel Levin die schrillen Wichtigtuer schnell durchschaut, geht er ihnen doch auf den Leim. Doch so recht eigentlich fällt er auf sich selber herein, auf seine Eitelkeit, sein Geltungs- und Anerkennungsbedürfnis. Es gehört zu den Phänomenen des Lebens, dass Intelligenz nicht nur nicht vor Torheit schützt, sondern sie meist erst ermöglicht. Weil sie einem hilft, sich von jedem Schmarren zu überzeugen. In Sachen Selbstbetrug hat der Mensch keine Konkurrenz.
 
  Daniel Levin ist ein offener und aufrichtiger Mann. Jedenfalls wirkt er so in seinem spannenden und unterhaltsam geschriebenen „Alles nur ein Zirkus. Fehltritte unter Mächtigen“. Als er einem Freund, einem pensionierten UNO-Diplomaten, davon klagt, wie leicht er sich von Hochtaplern einwickeln lasse und wie enttäuscht er von seiner mangelnden Menschenkenntnis sei, meint dieser: „Durch solche Erfahrungen lernst du zu erkennen, wie es bei Hofe der wirklich Mächtigen zugeht.“
 
  „Brillante Beobachtungen zur Anthropologie der Macht. Sie werden laut lachen und das Buch nicht mehr aus der Hand legen wollen“, wird Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman auf dem Umschlag zitiert. So isses! Zu wünschen wäre nur noch, dass jedesmal, wenn diesen eitlen Machtmenschen eine mediale Plattform gegeben wird, wir uns daran erinnern, dass der dummschwätzerische Trump nicht die Ausnahme, sondern die Regel ist.
 
 Aufklärung über das Wesen der Politik erhält Levin unter anderem von einem russischen Abgeordneten. Es sei alles ein Spiel, keiner kämpfe um Ideale, sondern um Macht. Betrieben von Leuten, denen dieses Spiel gefällt, wegen der Herausforderung und der Aufmerksamkeit, die es mit sich bringt.
 
  „Alles nur ein Zirkus“ ist auch ein Dokument der Selbstreflexion, ja, der gelegentlichen Selbstgeisselung. „Ich kam mir vor wie ein Idiot. Ich kam hierher, anmassend in all meiner grandiosen Pracht, und erzählte diesen jungen Angolanern etwas von Angebot und Nachfrage, obwohl jeder Einzelne von ihnen mir eine Menge zu diesem Thema hätte beibringen können.“ Konsequenzen haben solche Einsichten jedoch kaum, schon bald ist er auf dem Weg zu seiner nächsten Beratung in Gambia.
 
  In Moskau, Peking und Washington ist Daniel Levin unterwegs. So verschieden die Kulturen auch sein mögen, die Egos und Verhaltensweisen der Machtgierigen sind es nicht. Daniel Levin hat mehr als nur Mühe damit, seine Sicht der weltpolitischen Lage ist eindeutig nicht gefragt. Warum also tut sich der Mann das bloss an? Ohne seinen Humor wäre er wohl verloren.
 
  Übrigens: Wer sich ein realitätsnahes Bild der UNO, der Weltbank oder der Afrikanischen Entwicklungsbank (seine Erfahrung mit letzterer als „psychotische Ineffizienz auf Steroiden zu beschreiben, wäre noch untertrieben“, notiert er) verschaffen will, sollte unbedingt zu diesem Buch greifen – selten wurde diese absurde Welt vergnüglicher beschrieben.
 
  Viele schlaue Aussagen in diesem Buch stammen von Daniel Levins Gesprächspartnern. Zum Beispiel von António, seinem Fahrer in Luanda, der Volkswirtschaft und Finanzwesen studiert hat. „Sind Sie nicht auch der Meinung, man könne inzwischen mit Sicherheit sagen, dass sich die Kriminalisierung der Korruption nicht als besonders wirksam erwiesen hat? Warum nicht mal was Neues probieren? Wie wäre es, man würde Anreize schaffen für gutes Benehmen der politischen Elite und ihrer privilegierten Speichellecker? Ich meine, sie besitzen bereits alles Geld der Welt. Wonach sie wirklich lechzen, ist Anerkennung durch den Westen. Machen wir diese Anerkennung abhängig von gutem – oder zumindest 'weniger katastrophalem' – Verhalten.“
 
  Antónios Frau Rosa schenkt Levin zum Abschied die portugiesische Übersetzung von F. A. Hayeks „Der Weg zur Knechtschaft“. Ihre Widmung fasst die Essenz von „Alles nur ein Zirkus“ trefflich zusammen: „Wir können niemandem etwas beibringen. Wir können ihn höchstens zum Denken anregen. Wenn das für Sokrates gut genug war, sollte es wohl auch gut genug für uns sein!“

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