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Hermann Unterstöger
Männer, die auf Diven liegen
Vergnügliches aus dem Sprachlabor

Süddeutsche Zeitung Edition
2016
192 Seiten
ISBN-13: 978-3864973659
€ 14,90


Von Hans Durrer am 09.05.2018

  Seit 2009 befasst sich Hermann Unterstöger im „Sprachlabor“ der Süddeutschen Zeitung (SZ) mit ganz unterschiedlichen Fällen. Eine Auswahl findet sich im vorliegenden Band, dem Nachfolger von „Da platzt dir die Hutschnur!“
 
  Die Auffassungen über Gott und die Welt sind bekanntermassen verschieden. Und der Umgang mit der Sprache macht dabei keine Ausnahme. Und geht weit über die Sprache hinaus. Man denke etwa an Merkels Raute, von der ein Leser meinte, es sei gar keine, denn dies würde bedingen, dass Daumen und Zeigefinger gleich lang wären. „Was Merkel zeige, sei ein Drachen. Das ist richtig, doch sollten wir auch hier nicht am Buchstaben hängen, sondern uns an der geometrischen Figur erfreuen, egal, was Angela Merkel damit sagen will.“
 
  Ganz vielerlei in diesem ansprechend gestalteten Band fand ich wunderbar hilfreich. Zum Beispiel die Lösung der Inselfrage. Heisst es in oder auf der Insel? „Hierzu hat sich die Faustregel herausgebildet, dass 'auf' die geografische Insel meint und 'in' die Insel als Staat: Man lebt auf Sylt, aber in Kuba; auf Kuba geht auch, in Sylt nicht, es sei denn Sylt würde sich von Deutschland lossagen und ein eigener Staat werden.“
 
  Aufgeklärt werde ich auch darüber, dass es im Bairischen den Genitiv nicht gibt, „stattdessen wird mit dem Dativ, dem Possessivpronomen 'sein' und der Präposition 'von' gearbeitet: 'Georgs Fahrrad' heisst dann 's Radl vom Schorsch' oder 'am Schorsch sei Radl'“. Die Klärung dieser Frage ist zwei Lesern zu verdanken, die sich an diesem Satz gestossen hatten: 'Russland seine Justiz hatten Chodorowskij schwere Wirtschaftsstraftaten vorgeworfen.' Würde die SZ auf Bairisch erscheinen, lässt mich Hermann Unterstöger wissen, hätte sie keinesfalls 'Russland seine Justiz' geschrieben, sondern 'am Putin sei Justiz'.“
 
  „Männer, die auf Diven liegen“ bietet Lesegenuss par excellence. Dazu tragen auch die gelungenen Lesermeinungen bei. So kommentierte etwa ein Professor die Formulierung: „Etwa 0.2 Prozent aller Verstorbenen erhielt Suizidhilfe – und zwar konstant über die vergangenen 18 Jahre.“ mit den Worten: „Trotz aller gebotenen Zurückhaltung bei diesem heiklen Thema möchte ich anmerken, dass ich es für humaner gehalten hätte, wenn wirksamere Methoden angewandt worden wären.“
 
  Ein anderer Leser meldete sich mit dem Aufschrei „Sprachfolter Pur!“, mit dem er auf eine besonders im Journalismus verbreitete Marotte aufmerksam machte: das nachklappende Adjektiv. Doch nicht die Marotte stört den Leser, sondern die Art, wie sie geschrieben wird. Seiner Meinung nach gehört ein Satzzeichen zwischen die beiden Wörter. Ein Komma oder ein Doppelpunkt, zum Beispiel. Hermann Unterstöger kommentiert: „Eine starke Meinung, die in der Fachliteratur allerdings keine Bestätigung findet. Die Sprachwissenschaft spricht vom 'postnominalen Adjektiv', das im Gegensatz zum üblichen 'pränominalen Adjektiv' hinter dem Nomen steht. Es kann auf eine zwar schmale, aber alte und schöne Tradition zurückblicken, weil es von den Dichtern nur allzu gern verwendet wurde: Röslein rot, Brüderlein fein, ein Maidlein jung, mein' Augen blau, Hänschen klein, von der Stirne heiss. Wer will, kann den hier obwaltenden gehobenen Ton auch aus Fügungen heraushören, wie sie die Werbesprache hervorgebracht hat: Henkell trocken, Cola light, Möhrchen extra fein, Schauma mild ...“.
 
  Hermann Unterstögers Sprachkolumnen zu lesen, versöhnt mich mit der Welt – ich hadere nicht mehr, sondern schmunzle und freue mich, denn sie zeigen, dass man die Dinge auf unserem Planeten gleichzeitig höchst differenziert, humorvoll und leicht nehmen kann.

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