Hauptseite
Rezensionen
Autoren
Themen
Reportagen
Meldungen
Links
Kontakt
Newsletter
Maxim Kantor
Rotes Licht
(Krasnyj Svet, 2013)

Zsolany
2018
Übersetzt von Juri Elperin, Sebastian Gutnik, Olga und Claudia Korneev
704 Seiten
ISBN-13: 978-3552058538
€ 29,-


Von Alfred Ohswald am 09.03.2018

  In „Rotes Licht“ wirft Maxim Kantor anhand einiger Protagonisten, darunter den im Sterben liegenden jüdischen Gelehrten Solomon Richter – sein Sterbelager ist der Handlungsort des ersten Kapitels - und des ehemaligen Förderer Hitlers Ernst Hanfstaengl einen nicht gerade positiv stimmenden Blick auf Russlands Vergangenheit (seit etwa 1917) und Gegenwart. Und es ist ein erschreckendes Bild, dass eine nationalistische Bevölkerung mit nicht geringer Kriegsbegeisterung und eine ausgesprochen zynische Oberschicht beschreibt.
  Für die meisten deutschsprachigen Leser werden die zahllosen angeführten Personen nur in den seltensten Fällen ein Begriff sein und immer alle Namen zu googeln, um herauszufinden, wer und ob sie reale Personen sind, ist bei der Menge doch etwas zu mühsam. Da werden wohl nur richtige Russland-Experten einigermaßen folgen können. Aber man kann dem Buch weitgehend auch folgen, wenn man viele Namen nicht zuordnen kann. Die Namens-Verwirrung ist aber glücklicherweise nur im zweiten Kapitel so schlimm.
  Die zweite, ausführlichere Szene spielt bei einem Empfang des französischen Botschafter, wo die bessere Gesellschaft Russlands – Anwälte, Geschäftsleute, Oppositionspolitiker, Medienmenschen und Künstler - prominent vertreten sind. Nur ein Ermittler, der den Mord an einem Privatchauffeur aufklären soll, stört die Idylle etwas. Auch hier lässt Kantor kaum ein gutes Haar an der russischen Gesellschaft, diesmal an den modernen, scheinbar liberal eingestellten Gruppen.
  Im dritten Kapitel und noch oft danach geht es um den „Vaterländischen Krieg“, den Überfall der Nazis auf die Sowjetunion. Dabei aber auch in einer Rückblende auf den Vater der einer der Hauptfiguren Sergej Deschkow, um die Ereignisse nach der Revolution, den Angriff auf Polen, die Niederschlagung des Matrosenaufstandes in Kronstadt und Bauernaufständen. Später; wenn der Krieg in mehreren Kapiteln behandelt wird, wundert man sich über so viel Tapferkeit, teilweise allerdings bei einer ausgesprochen falschen Sache.
  Und so geht es weiter, als nächstes folgen das Leben Hanfstaengls und auch bei ihm beginnt es mit Rückblenden, bis zu seiner Begegnung mit Hitler zum Beginn dessen politischer Karriere. Dann landet dieser Hanfstaengl inmitten von etwas zwielichtigen Oppositionellen in London, die wir bereits von Kapitel Zwei kennen und am Ende als Gefangener der Briten. Mit einem Disput zwischen ihm in seiner Rolle als Mephisto und Solomon Richter auf dem Sterbebett endet der Roman dann auch. Wobei Kantor seine Bildung etwas reichlich zur Schau stellt und den Lesern Namen von Philosophen und anderen historischen Persönlichkeiten nur so um die Ohren haut. Am Schluss bleibt Solomon Richters Plädoyer für die Rechte der einzelnen Person, ihre Freiheit und Eigenständigkeit.
  Es wird mit unterschiedlichen Figuren, deren Leben mehr oder weniger lose zusammenhängen, die Geschichte Russlands und ein wenig Nazi-Deutschlands erzählt. Sogar drei Großmütter kommen sporadisch zu Wort, die verdächtig an Shakespeares Hexen aus Macbeth erinnern. Aber eigentlich spielt Goethe und sein „Faust“ eine weit wichtigere Rolle, ein wenig überraschend für einen russischen Autor.
  Zuweilen neigen Kantors Figuren zum dozieren, wobei auch für einen westeuropäischen Leser recht eigenartige Ansichten zutage kommen. Insbesondere wenn Hanfstaengl seine deutliche Sympathien für Hitler herunterbetet. Dadurch werden die Charaktere aber auch deutlich realistischer, auch wenn diese aus Erstpersonenperspektive erzählten, oft kruden Ansichten keine leichte Kost sind. Kurzum, ein düsteres, fesselndes, wenig Hoffnung übrig lassendes Bild des alten sowie des heutigen Russland. Mit einer Tendenz zu früher war es übel aber heute und in Zukunft eher noch schlimmer.
  Kantor ist eine Art russische Mischung aus Umberto Eco und Thomas Bernhard. Ein wenig lästig sind ab und zu auftauchende Begriffe (z.B. Kuroi, Chemisette, Fanfaronen ect.), die sich vermutlich manchem Leser nicht sofort erschließen. Kleine Fehler, wie dass Kaiser Friedrich Barbarossa den 3. Kreuzzug anführte, er ertrank an der Spitze eines Heers auf den Weg dahin, oder Stalin kein Antisemit war, kann man tolerieren. Wobei oft unklar bleibt, ob nur die Protagonisten oder tatsächlich der Autor falsch liegen.

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

Wenn Sie zu diesem Buch auch eine Kritik schreiben wollen, senden Sie diese bitte per eMail. Diese Mail geht an den Betreiber dieser Seite!
Mails an den Autor der Kritik sind nur möglich, wenn dessen Name ein Link ist. Mit dem Link gelangen Sie zum Portrait des Rezensenten, wo meist auch seine eMail-Adresse zu finden ist. Andernfalls ist keine Kontaktaufnahme erwünscht oder möglich.