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Guy Wagner
Doppelleben

Edition lLe Phare
2015
ISBN-13: 978-99959-37-16-4
€ 20,-


Von Volker Frick am 22.02.2018

  Guy Wagner, der mehrere biographische Bücher über Mikis Theodorakis, Romane und Biografien über Komponisten (Mahler, Schubart, Mozart, Korngold) und Künstler wie Paul Klee schrieb, verstarb 2016 mit 78 Jahren.
  Sein letztes Buch hat primär seinen Anlass in der Person des Robert Nicolas Alesch, geboren am 6. März 1906 in Aspelt. 1933 zum Priester geweiht, ging er 1935 nach Frankreich, wo er zu Beginn der nationalsozialistischen Besatzung in Paris in seinen Sonntagspredigten vorgab, ein Gegner der Deutschen zu sein. Allerdings reichen seine Kontakte zur deutschen Gegenspionage bis in die 1930er Jahre zurück. Als Agent der deutschen Abwehr in Paris ist dieser katholische Priester aus Luxemburg als Menschenjäger und Denunziant für den Tod von mehr als 100 Menschen verantwortlich.
  Es gelingt ihm, in die Kreise des Widerstandes einzudringen, das Vertrauen der Ethnologin Germaine Tillion zu gewinnen, die ihn wiederum mit Jacques Legrand und Gabrielle Picabia des Widerstandsnetzwerks Gloria SMH in Kontakt bringt. Ihm wird der Codename „Bishop“ zugewiesen. Doppelleben. Von den Deutschen für seine Informationen bezahlt erhielt er 12.000 Francs pro Monat (damals das Gehalt eines leitenden Offiziers) und Bonuszahlungen pro Kopf. Der gierige Priester brauchte viel Geld seinen Lebensstil mit zwei Geliebten in Paris zu finanzieren. Er ermunterte junge Menschen zum Widerstand, um sie dann den Besatzern auszuliefern.
  Am 13. August 1942 werden Jacques Legrand, Germaine Tillion und weitere Mitglieder des Widerstandsnetzwerks Gloria SMH verhaftet. Insgesamt fast 80 Personen werden inhaftiert, von der deutschen Polizei langwierig verhört und teilweise gefoltert. Später werden sie größtenteils in die Konzentrationslager Buchenwald, Mauthausen und Ravensbrück deportiert. Der Leiter von Gloria SMH, Jacques Legrand, sein Stellvertreter Thomasson und viele von ihnen werden nicht überleben. Alfred Péron, Freund von Samuel Beckett, stirbt zwei Tage nach seiner Rückkehr.
  Samuel Beckett, ebenfalls Mitglied von Gloria SMH, entkommt den Schergen der Gestapo knapp, flüchtet, und lebt als wartender, hungernder Maquisard in Roussillon. Wieder in Paris schreibt er Jahr um Jahr, erringt später Weltruhm mit dem Stück 'Warten auf Godot', das er am 29. Januar 1949 vollendet, vier Tage nach dem der zum Tode verurteilte Robert Nicolas Alesch am 25. Januar 1949 in Montrouge im Alter von 42 Jahren durch ein Erschiessungskommando hingerichtet wird.
  Dort der Denunziant, hier ein Mensch, dem das Wort als ein Fleck auf dem Schweigen galt. Dieses Buch mit seiner gegen den Strich geschriebenen Doppelbiographie zeigt, wenn auch nicht erstmalig, den autobiographischen Hintergrund von Becketts ersten Theatererfolgen 'En attendant Godot' und 'Fin de partie'. Das Buch überzeugt durch eine erstaunliche Recherchetiefe, wenn auch die Literaturnachweise hie und da etwas frei gestaltet sind. Das Buch gibt auf seinem vorderen Deckel eine passend schöne Lithographie - 'Paysage orange', 1969 - von Henri Hayden (1883 Warschau - 1970 Paris), einer von mehreren Künstlern mit denen Beckett befreundet war, wieder. Und: der Autor hat 2006 mit „Waarden op de Godot, Endspill, Katastroph, Wat wou“ Theaterarbeiten Becketts ins Luxemburgische (eigensprachlich Lëtzebuergesch) übertragen.
  In globalen Zeiten exhumierter Nazionalismen ist dieses Buch ein wahres Antidot.

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