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Andrea Böhm
Das Ende der westlichen Weltordnung
Eine Erkundung auf vier Kontinenten

Pantheon Verlag
2017
272 Seiten
ISBN-13: 978-3570552360
€ 17,-


Von Hans Durrer am 19.01.2018

  Andrea Böhm, geboren 1961, ist Journalistin. Sie berichtete viele Jahre aus den USA, schrieb ein höchst lesenswertes Buch über den Kongo und ist seit 2013 Nahost-Korrespondentin der ZEIT mit Sitz in Beirut. Mit anderen Worten: Die Frau ist in der Welt herumgekommen, hat viel beobachtet und nachgedacht, weshalb sie denn auch bestens befähigt scheint, um sich mit der gerade in Auflösung begriffenen westlichen Weltordnung anzunehmen.
 
  Dabei herausgekommen ist Das Ende der westlichen Weltordnung. Eine Erkundung auf vier Kontinenten (Pantheon Verlag, München 2017), ein spannendes Werk, das zeigt, was guter Journalismus zu leisten vermag – viel Anregendes und Erhellendes, wenn auch auf traditionellen Pfaden: sie liest einschlägige Bücher (viel Historisches), befragt ihre jeweiligen Reiseführer (Was die Menschen vonr Ort umtreibt, erfahren Journalisten sonst von Taxifahrern), interviewt Politiker, Klanführer und andere „Persönlichkeiten“.
 
  Geleitet wird Das Ende der westlichen Weltordnung von der Idee, dass unser westlicher Blick die Welt eher verzerrt als erklärt. Und so machte Frau Böhm sich auf, eine andere als die ständig in den westlichen Medien präsente Welt zu erkunden. Venedig, Mogadischu, Guangzhou, Bagdad, Alexandria lauten die Namen einiger ihrer Stationen. Sie sind nicht so zufällig ausgewählt wie das auf den ersten Blick scheinen mag – sie waren alle einstmals Städte von weltgeschichtlicher Bedeutung.
 
  Bei ihrem Vorgehen bedient sie sich eines Tricks: Sie löscht die alten Karten im Kopf und zeichnet sich neue. „Nur dieses Mal ohne Gewissheiten und mit unbegrenztem Platz für zukünftige Erkundungen“, schreibt sie, doch das ist ein Fehlschluss, denn auch ihre neuen Karten beruhen wesentlich auf historischem Wissen. Die Autorin macht also beileibe keinen Sprung ins Ungewisse, sondern ersetzt alte Gewissheiten durch für sie neue, einschlägig bewanderten Historikern und nicht auf die westliche Medienberichterstattung abstellenden Menschen jedoch teilweise durchaus geläufige.
 
  „Karten können Fakten schaffen, Wahrheit abbilden, sie können phantastisch lügen und täuschen. Wahrscheinlich war immer schon all das vonnöten, um die Welt erfahrbar zu machen.“ Die Abscheu vor der Leere sei eine Urangst, zitiert sie den Historiker Karl Schlögel, der zudem meint: „Karten sind wahrscheinlich die wichtigste Form, die der Mensch sich geschaffen hat, dem horror vacui zu entgehen, ein Netz von Linien und Punkten, das über den Globus geworfen wird, um sich Orientierung zu schaffen.“
 
 So hilfreich Karten und Orientierungspunkte auch sind, sie geben weniger über die Welt Auskunft als über eine bestimmte Sicht auf die Welt und diese ist manchmal nicht viel mehr als eine Momentaufnahme. Seit die extremistische Al Shabab Miliz Osama bin Laden die Treue schwor, werde Somalia „täglich, manchmal stündlich, neu kartographiert. Durch Satelliten, die digitale Zielvorlagen für Drohnen-Angriffe des Pentagon auf Al Shabab liefern“, berichtet Frau Böhm, und macht gleichzeitig darauf aufmerksam, dass wenn etwas auf einer Karte verzeichnet ist, es deswegen nicht unbedingt dort ist. Und umgekehrt: „Was in Wirklichkeit existiert, ist oft nicht auf der Karte eingezeichnet.“
 
 Wussten Sie, dass Somaliland ein Staat ist? Etwa dreimal so gross wie die Schweiz, mit geschätzten dreieinhalb Millionen Einwohnern; gemessen an den Idealen eines Staates westlicher Prägung ist Somaliland, das von keinem anderen Staat anerkannt wird, ein rückständiges Modell. Andererseits: „Ein Kollektiv von Menschen mit ausgeprägter nationaler und Klan-Identität, alles andere als multikulturell, aber vernetzt mit Exilgemeinden in aller Welt. Flexibel, an Schocks von aussen und Umbrüche von innen gewöhnt, bestens vertraut mit neuesten Kommunikationstechnologien, islamisch regiertem Geldwesen und fliessenden Grenzen. Ein hybrides Gebilde in Zeiten, da sich die Macht über Geld- und Warenströme und damit über das Leben von Menschen immer weiter von der Politik traditioneller Nationalstaaten entfernt.“ Durchaus möglich, dass das ein Zukunftsentwurf sein könnte, auch wenn es bislang eher so aussieht, als lägen die Wunschdestinationen der meisten nach wie vor im Westen.
 
 „Das Ende der westlichen Weltordnung“ ist ein in die Irre führender Titel, denn diese Reiseberichte handeln nicht von der westlichen Weltordnung (die es in den meisten Teilen der Welt eh nie gegeben hat), sondern von den Recherchen (grosse Teile des Buches stammen aus anderen Büchern und hätten keinen Besuch vor Ort erfordert) und Erfahrungen, die eine deutsche Journalistin während eher kurzer Aufenthalte (in China war sie gerade einmal zehn Tage, doch wie jeder weiss, sind die ersten Tage in einem fremden Land, wenn alles noch frisch und spannend ist, oft auch die lehrreichsten) an ganz unterschiedlichen, nicht-westlichen Schauplätzen gemacht hat.
 
  Dabei hat mir weniger imponiert, wie sich Menschen ihre eigene Welt bauen (das war so recht eigentlich immer schon so), hingegen hat mich das Händchen der Autorin für „Neben-Geschichten“ fasziniert – etwa über den französischen Dichter Arthur Rimbaud, dessen wohl grösster Fan, ein äthiopischer Physiker somalischer Herkunft, im somalischen Harar ein Rimbaud-Archiv leitet oder über somalische Poesie („Fast jeder Nomade, jede Ziegenhirtin kann Gedichte rezitieren.“) oder den kriegserprobten Iraker, der für einen Vogel sein Leben riskiert oder diese ganz wunderbare Szene in Somaliland: „Ich blinzele in der flimmernden Hitze, glaube, mitten auf der Strasse plötzlich riesige Wassermelonen zu erkennen. Sekunden später steigt der Fahrer auf die Bremse und lässt eine Kolonne Pantherschildkröten über den Asphalt kriechen.“
 
  „Das Ende der westlichen Weltordnung“ ist ein überaus hilfreicher Augenöffner, der Westlern eine neue Weltsicht nahelegt – eine, die sich an der Welt und universellen Werten, und nicht nur an den eigenen Bedürfnissen orientiert.

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