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Iori Fujiwara
Der Sonnenschirm des Terroristen
(Terorisuto no parasoru)

Cass Verlag
2017
Übersetzt von Katja Busson
352 Seiten
ISBN-13: 978-3944751153
€ 19,95


Von Hans Durrer am 20.12.2017

  Der Auftakt zu diesem Krimi könnte überzeugender nicht sein – von friedlich zu katastrophal, von einem Moment zum anderen: Der Protagonist der Geschichte, der Alkoholiker Shimamura, nimmt an einem sonnigen Samstagmorgen in einem Park mitten in Tokyo gerade ein paar Schlucke gegen das Zittern seiner Hände, als er von einem kleinen Mädchen angesprochen wird, das ihn wie einen Menschen behandelt und er sie. Kurz darauf versucht ihm ein junger Mann einen religiösen Flyer anzudrehen – auch diese Begegnung ist von schöner Menschlichkeit geprägt – , als plötzlich eine Bombe hochgeht, Tote und Menschenteile herumliegen, eine apokalyptische Szene sich Shimamuras Augen darbietet. Er versichert sich, dass das kleine Mädchen und der junge Mann heil geblieben sind ... erst dann rennt er los ...
 
  Zurück in seiner Bar (die eigene Bar, der Traum jedes Alkoholikers!) wird er von Typen aus der Unterwelt heimgesucht und anschliessend von einer jungen Frau erwartet, die sich als Tochter einer Freundin aus seiner Studentenzeit entpuppt – wie nüchtern, intelligent und uneitel die beiden in der Folge miteinander umgehen, ist ein wahrer Genuss. In den 68er-Zeiten waren Shimamura und seine Freunde revolutionär unterwegs und deswegen den Behörden bekannt, weswegen der Bombenanschlag im Park, bei dem auch eine ehemalige Mitstreiterin, die Mutter der jungen Frau in der Bar, zu den Opfern gehörte, die Polizei auch auf seine Spur bringt.
 
  Das Studium musste Shimamura danals wegen einer zufällig explodierenden Bombe, die einen Polizisten tötete, sausenlassen. In der Folge schlug er sich mit den unterschiedlichsten Jobs (als Fensterputzer, im Service etc.) durch. „Ich bereue nichts. Ich glaube, ich habe genau das Leben geführt, das zu mir passt.“
 
  Was er in der Zeitung über die damalige Zeit liest, hat wenig damit zu tun, wie es wirklich gewesen war – die japanischen Medien unterscheiden sich diesbezüglich nicht von den Medien in anderen Ländern. Die Rede ist hier nicht etwa von „fake news“, sondern davon, dass die Berichterstattung der Medien und die Wirklichkeit sehr verschiedene Dinge sind, weltweit.
 
  Shimamura, der nicht nur Alkoholiker, sondern auch Hotdog-Experte und Boxer ist, wird gejagt von der Yakuza und der Polizei. Er will auf eigene Faust die Urheber des Attentats eruieren und erhält dabei Unterstützung von Asai, einem Yakuza, der einstmals Polizist gewesen ist. Er sei damals von den Guten zu den Bösen gewechselt, sagt er und fügt hinzu: „Das war das einfachste, die Strukturen sind ähnlich.“
 
  „Der Sonnenschirm des Terroristen“ erzählt nicht nur eine spannende Geschichte, sondern gibt auch Einblicke in ein modernes Japan, von dem die Feuilletons eher wenig berichten: Den Kartonhäusern der Obdachlosen, den weggeworfenen Lunchpaketen, den sich untereinander bekämpfenden Yakuza. Aufmerksam gemacht wird man auch darauf, dass nicht jedes japanische Kurzgedicht ein Haiku ist, sondern dass es auch Tanka gibt. Wer googlet, findet noch weitere Formen ...
 
  Mit „Der Sonnenschirm des Terroristen“ hat Iori Fujiwara einen Thriller geschrieben, der die Komplexität der Welt für einmal nicht auf Schwarz/Weiss beziehungsweise Gut/Böse reduziert – da wird kein Loblied auf die Polizei gesungen, doch wird ihr Professionalität attestiert; da gibt es Yakuza mit einem Gewissen genauso wie die, welche die eigene Schwester mit Crystal Meth versorgen; da werden Vertreter der Presse einerseits als Aasgeier und andererseits als der Aufklärung verpflichtete Investigativ-Journalisten geschildert.
 
  Was dieses Buch sonst noch auszeichnet, sind witzige und lebenskluge Dialoge. Und natürlich auch dieser schlaue und wunderbar hilfreiche Satz, an den man nicht oft genug erinnert werden kann: „So ist das eben, das Leben ist kein Wunschkonzert.“

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