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Daniel Kehlmann
Tyll

Rowohlt
2017
480 Seiten
ISBN-13: 978-3498035679
€ 22,95


Von Alfred Ohswald am 19.11.2017

  Daniel Kehlmann hat sich wieder an einen historischen Stoff gewagt, wobei er sich allerdings recht große schriftstellerische Freiheiten herausgenommen hat. Einerseits erzählt er das Leben des Tyll Ulenspiegel, der unschwer als die bekannte Sagenfigur Till Eulenspiegel erkennbar ist und aks rahmenhandlung erzählt er noch über den dreißigjährigen Krieg. Die große Katastrophe, die man wohl fast als ersten Weltkrieg auf deutschem Boden bezeichnen kann.
  Kehlmann wechselt oft Zeit und Perspektive und hält sich nur ausgesprochen lose an die historische Überlieferung. Das beginnt damit, dass dieser Tyll Ulenspiegel deutlich früher gelebt haben muss, falls er eine reale Figur war. Bereits 1510, also über hundert Jahre vor den Ereignissen im Roman, erschien das Werk „Ein kurtzweilig lesen von Dil Ulenspiegel, geboren vß dem land zu Brunßwick...“. Auch bei besser überlieferten historischen Persönlichkeiten wandelt er die Historie leicht ab, so starb der „Winterkönig“ Friedrich V. zwar an der Pest aber nicht auf der Reise vom Heerlager Gustav Adolfs nach Hause, natürlich erst recht nicht in Begleitung des zumindest damals nicht existenten Tyll Ulenspiegels.
  Auf der anderen Seite schaden Grundkenntnisse über den dreißigjährigen Krieg sicher nicht beim Verständnis mancher Anspielungen und Nebensätze. Diese sollte man aber bei den sicher zahlreichen Dokumentationen und Bucherscheinungen im Jahr 2018 wegen des vierhundertjährigen Jahrestages seit Beginn des dreißigjährigen Krieges leicht aneignen lassen.
  Daniel Kehlmann versucht viele Aspekte aus der Zeit aufzugreifen, wie etwa den Wunderglauben und die Hexenverfolgungen, bei beiden spielt die ausgesprochen selbstgefällige Figur des jesuitischen Allroundwissenschaftlers Athanasius Kirchner eine wichtige Rolle. Es ist bereits bei der Hinrichtung wegen Hexerei von Tylls Vater beteiligt. Seine Biographie lässt eher einen nicht ganz so unangenehmen Charakter vermuten, darum ist er wohl eher als Karikatur eines fast noch mittelalterlichen Gelehrten mit teilweise besonders absurden Absichten.
  Abgesehen von den ganzen, mehr oder weniger wichtigen, oben erwähnten Punkten ist es ein sehr flüssig zu lesendes und trotz der Vorwegnahmen einiger Handlungsabschnitte durch die Zeitsprünge recht spannender historischer Roman. Wenn man bereit ist, bei der historischen Korrektheit einige kräftige Abstriche zu machen, bekommt man viel eingefangene Atmosphäre und eine lesenswerte Geschichte geliefert. Allerdings sollte man es eher nicht als erstes oder einziges Buch zum dreißigjährigen Krieg lesen, da empfiehlt sich doch eher eine der zahlreichen Veröffentlichungen diverser Historiker und dann – natürlich – der Zeitgenosse Grimmelshausen.

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