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Michel Houellebecq
In Schopenhauers Gegenwart
(En présence de Schopenhauer)

DuMont
2017
Übersetzt von Stephan Kleiner
80 Seiten
ISBN-13: 978-3832198824
€ 18,-


Von Hans Durrer am 05.11.2017

  „Ich möchte versuchen, anhand einiger meiner liebsten Stellen aus 'Die Welt als Wille und Vorstellung' zu zeigen, warum Schopenhauers Geisteshaltung in meinen Augen noch immer dazu geeignet ist, allen nachfolgenden Philosophen als Vorbild zu dienen, und warum man – selbst wenn man letztlich anderer Meinung sein sollte als er – nicht anders kann, als ihm gegenüber eine tiefe Dankbarkeit zu empfinden“, schreibt Michel Houellebecq in seiner Einleitung, die mit diesem Rousseau-Zitat überschrieben ist – Sors de l'enfance, ami, réveille-toi! (Lass die Kindheit hinter dir, Freund, wach auf!) – , das auch dem ersten Band von „Die Welt als Wille und Vorstellung“ vorangestellt ist.
 
  Wenn ein Schriftsteller, den man schätzt, sich Gedanken macht zu einem Philosophen, den man mehr als nur schätzt, erwartet man sich mindestens ein paar Erleuchtungen, die dann im Falle von Michel Houellebecq und Arthur Schopenhauer allerdings ausbleiben, obwohl, um einige Erkenntnisse reicher fühlte ich mich am Ende dieses dünnen Buches (76 Seiten, hauptsächlich mit längeren Schopenhauer-Zitaten) aber eben doch.
 
  So erfuhr ich unter anderem, dass es Schopenhauers Ehrgeiz war, „sämtliche Fragen (metaphysischer, ästhetischer oder ethischer Natur) zu beantworten, die die Welt seit ihren Anfängen beschäftigen.“ Und da ich ein grosser Bewunderer von Universalgelehrten bin, hat der Mann natürlich meine ganze Sympathie.
 
  Von Wittgenstein stammt der Satz: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Schopenhauer sieht das anders, er spricht von der Liebe und vom Tod, vom Mitleid und vom Leid und wählt dabei eine Vorgehensweise, die für einen Philosophen sehr ungewöhnlich ist: die ästhetische Betrachtungsweise. Unter anderem beschreibt er die reine, unverdorbene Betrachtung, die der Künstler mit dem Kind gemein hat und die ihn von anderen unterscheidet.
 
  Laut Houllebecq bedient sich Schopenhauer der Introspektion als metaphysischer Untersuchungsmethode, was wesentlich meint, dass ihm lange, tiefe Betrachtung offenbart, „die Wesensgleichheiten zu erkennen, die sich hinter dem äusseren Schein verbergen.“ Nicht zuletzt die, zwischen Mensch und Tier, die beide derselben Natur angehören, von der Schopenhauer sagt: „Was für eine entsetzliche Natur ist diese, der wir angehören!“
 
  Was haben die beiden letztlich gemeinsam? Den Willen zum Leben, der sich weder durch „die Nichtigkeit und Vergeblichkeit des Strebens der ganzen Erscheinung“ (das man am Schicksal der Tiere klarer sieht als an dem des Menschen) aus der Welt schaffen lässt.
 
  Es ist solches Aufmerksam-Machen auf Aspekte des Schopenhauerschen Denkens und Schreibens, die dem uneingeweihten Schopenhauer-Leser möglicherweise entgangen oder nicht mehr präsent sind, die Houllebecqs „In Schopenhauers Gegenwart“ zu einer aufklärenden Lektüre machen. Man ist froh um diesen schmalen, ansprechend gestalteten Band.

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