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Christiane Tramitz
Harte Tage, gute Jahre
Die Sennerin vom Geigelstein

Knaur
2017
272 Seiten
ISBN-13: 978-3426214312
€ 16,99


Von Hans Durrer am 05.11.2017

  Die Autorin und Journalistin Christiane Tramitz, die, wie der Klappentext erwähnt, früher als Verhaltensforscherin u.a am Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie tätig war, hat die Lebensgeschichte der Maria (Mare) Wiesbeck aufgezeichnet, die ihr Leben als Sennerin in den Chiemgauer Alpen verbracht hat.
 
  Am Anfang steht eine enttäusche Liebe. Mare verguckt sich in den Mädchenschwarm Xaver. Als sie ihrer Freundin Rosa davon erzählt, meint die: „Mei Mare, des is net guad, glaub i. Such dir lieber an Frosch zum Küssen. Dass der zum Prinzen werd, ist wahrscheinlicher, als dass der Xaver dein Freund werd. Pass auf, dass dein Kopf net verlierst, weisst ja, wie alle über eam redn.“
 
  Wie das mit gutem Rat meist so ist – er wird den Wind geschlagen. Im Falle von Xaver war es dann so, dass dieser Mare versetzte und in der Folge Diana, ihre ältere Schwester, heiratete. Mare, das war klar, konnte unter diesen Umständen nicht auf dem Hof bleiben. „Es geschah an diesem einen Tag, an diesem Sommerabend im Jahr 1940, an dem Mare, noch nicht einmal sechzehn Jahre alt, beschloss, hinter sich zu lassen, was sie vergebens liebte.“
 
  Ein Jahr später („Das Leben auf dem Schadhubhof hatte die Leichtigkeit und Fröhlichkeit verloren, das braune Unheil steckte in jeder Ritze und verbreitete Angst und Verunsicherung.“) lässt Mare, die so recht eigentlich lieber ein Bub als ein Mädchen geworden wäre, den Grossvater wissen, dass sie auf die Alm rauf will und nie mehr zurückzukommen gedenkt.
 
  Deutschland befindet sich zu dieser Zeit im Krieg. Neid und Missgunst herrschen auch auf dem Geigelstein. Im Gegensatz zu den drei anderen Sennerinnen auf der Alm, befürwortet Mare Hitlers Krieg nicht. Sie ist ein unabhängiger und eigenwilliger Kopf. Und sie ist gottesfürchtig.
 
  Einmal kommt auch Mares Mutter zu Besuch und macht sie mit den Kräutern bekannt. „Da herobn kimmt koa Arzt, meine kleine Mare, musst dir selbst helfn.“ Als die Mutter wieder geht, lässt sie Mare wissen, dass sie sich wohl nicht mehr sehen werden – es ist sehr bewegend, wie Mare bzw. die Autorin diesen fast achtzig Jahre zurückliegenden Abschied schildert.
 
  Obwohl sie auf dem Berg oben abgeschieden lebte, wusste Mare recht gut, wie es auf der Welt zu und her ging. Sie war informiert über die Politik wie auch über die zahlreichen technischen Neuerungen, die der Fortschritt mit sich brachte. „Das Leben wurde bequemer im Tal, aber es verlor an Lebendigkeit, fand Mare bedauernd.“
 
  Dass sich im hohen Alter andere um sie kümmern mussten, bereitete ihr Kummer („Die Alte schliesst die Augen und grinst vor sich hin. 'Wer sich kümmert, hat Kummer'“), denn Freiheit und Selbstbestimmung waren ihr das Wichtigste im Leben. „Ein besonderer Reichtum war für Mare darüber hinaus ausserdem die schwere Erreichbarkeit dieser schönen Landschaft.“ Die Faulen und Bequemen scheuten das Hinaufsteigen, der Regisseur Werner Herzog, der Mare als Bub gekannt hat, jedoch nicht. Und auch Bruce Chatwin nicht, den Werner Herzog einmal mitbringt.
 
  Neben anschaulichen Schilderungen der Bergwelt (inklusive Wilderer, Deserteure, Filmleute und Berggeist) sowie der Kriegszeiten („So a Feigling, dieser depperte Hitler“, schimpfte Mare zum Herrgott, „erst ois zerstörn und über des Leben der anderen bestimmen, dann, wenn ois kaputt is, aufhörn zu lebn, damit er seiner gerechten Strafe entkimmt.“) zeichnet sich „Harte Tage, gute Jahre“ ganz besonders durch das wunderbar gelungene Porträt der eigenwilligen Maria (Mare) Wiesbeck aus. „Trotz ihrer Kargheit verliehen ihr die Eigenbestimmung und Freiheit, die sie auf dem Berg genoss, eine faszinierende Ausstrahlung, der auch die Männerwelt erlag.“
 
  „Harte Tage, gute Jahre“ ist ein hervorragend geschriebenes zeitgeschichtliches Dokument über das Leben einer bemerkenswert eigenständigen Frau. Gäbe es mehr solche Menschen, die ihr Leben nach ihren Vorstellungen leben, würde die Welt entschieden anders aussehen.

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