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Ignacy Karpowicz
Sonka

Berlin Verlag
2017
Übersetzt von Katharina Kowarczyk
208 Seiten
€ 20,-


Von Hans Durrer am 08.10.2017

  In der Welt der Bücher geht es zu wie in anderen Welten auch: Diejenigen, die man glaubt, unbedingt lesen zu müssen (weil man davon gelesen oder gehört hat, manchmal auch, weil man von wohlmeinenden Bekannten dazu gedrängt wurde), erweisen sich nicht immer als die Perlen, die man sich erhofft hatte (und positive Kritiken sind, da die Geschmäcker verschieden, nicht immer ein verlässlicher Indikator).
 
  Bespricht man viele Bücher, kann es vorkommen, dass ein freundlicher Pressemensch (es sind meistens Frauen, doch im vorliegenden Fall war es ein Mann) einem unaufgefordert Rezensionsexemplare zuschickt. Und zwar solche, auf die man selber gar nie gekommen wäre, die sich dann jedoch als eigentliche Glücksfälle entpuppen. Zugegeben, das ist selten, doch es kommt vor. Die Rede ist von Ignacy Karpowiczs Sonka (Berlin Verlag 2017), einem Roman, der mich schon auf den ersten Seiten immer mal wieder laut auflachen liess – der Einsichten, des Witzes, der Sprache wegen.
 
 Ein Beispiel:
  „Denn erstens: Igor Grycowski litt, und zwar tief wie eine Höhle und breit wie der Ozean, immerhin hatte er ein riesiges Ego. Wollte er Selbstmord begehen, müsste er nur auf sein Ego klettern und sich in die Tiefe stürzen. Denn zweitens: – schien ihm das alles sinnlos. Er litt an künstlerischer Impotenz – oder war es Immanenz? Die Welt jedenfalls schien ihm sinnlos, das Leben ziellos; und das, obwohl er dagegen schon diverse Hilfsmittel bemüht hatte: Drogen, Pornografie, philosophische Literatur.“
 
  Die Geschichte, die Ignacy Karpowicz in Sonka erzählt, handelt von der uralten Bäuerin Sonka, die mit Hund, Katze und Kuh im polnisch-weissrussischen Grenzgebiet lebt und als junges Mädchen während der deutschen Besatzung eine stürmische Liebesbeziehung mit Joachim hatte, einem deutschen Soldaten. Von der Familie zur Rede gestellt, gibt sie an, sie sei von einem Dorfbewohner geschwängert worden, was dieser auch zugibt, worauf der Heirat (und der Liebe) nichts mehr im Wege steht. „Er war nicht abstossend, er war gutaussehend. Er war das genaue Gegenteil von dem, was ich brauchte, um Joachim in mir zu bewahren.“
 
  Der Regisseur Igor, der vom Land stammt, doch sich mittlerweile als Städter versteht („Igor stellt sich zurückhaltend neben die Alte und blickt mit etwas übertrieben fotogener Bescheidenheit auf seine Schuhspitzen.“), will aus Sonkas Geschichte ein Theaterstück machen. Dabei ist nicht immer klar, was wirklich vorgefallen und was Fiktion ist.
 
  Sonka ist teils Liebesgeschichte, teils Zeitgeschichte, doch vor allem ist es ganz wunderbar gelungenes Erzählen. „Sie hatte mehr erzählt als gedacht und dabei weniger gedacht als gefühlt. Überhaupt hielt sie nicht viel davon, über das eigene Schicksal zu urteilen. Worte waren Worte, sie machten die Toten nicht wieder lebendig.“
 
  Sonka zu lesen, hiess für mich, andauernd Sätze anzustreichen, die mich zum Lachen, zum Innehalten, zum Nachdenken brachten. Sätze wie diese etwa: „Ich verstand gar nichts mehr. Ich hatte Angst. Und Angst muss man nicht verstehen.“ Oder dieser: „Authentizität war eben doch nur ein miserables Klischee.“
 
  Auch wenn ich nicht weiss, wie Literatur zu definieren wäre, Sonka ist Literatur, tolle Literatur, die mich bestens unterhalten und Einiges gelehrt und mich darüber hinaus neugierig aufs polnisch-weissrussische Grenzgebiet gemacht hat.

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