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Don Winslow
Corruption

Droemer
2017
Übersetzt von Chris Hirte
544 Seiten
ISBN-13: 978-3426281680
€ 22,99


Von Hans Durrer am 25.09.2017

  Detective Denny Malone ist der Star der Manhattan North Special Taskforce, der Elite-Einheit des New York Police Department (NYPD). Er und seine Truppe tun, was getan werden muss, um das Funktioneren der Stadt zu garantieren. „Die meisten Menschen haben natürlich keine Ahnung, was getan werden muss, dass sie sich sicher fühlen können, und das ist auch gut so.“
 
  „Corruption“ ist ein aussergewöhnlich realistisches Buch, Don Winslow hat dafür ausgiebig recherchiert und beschreibt unter anderem den Alltagsstress der Cops mit den Säufern, den Drogenfreaks, den Liebeskranken, den Hasskranken und denen, die einfach immer Stress machen. „Was die meisten nicht kapieren, ist die Tatsache, dass die Gefängnisse der Stadt de facto längst zu Irrenanstalten und Entgiftungskliniken geworden sind. Drei Viertel der Eingelieferten sind psychisch krank oder drogenabhängig oder beides.“
 
  Realistisch meint aber auch, dass es „die Cops“ nicht gibt, sondern dass diese ganz unterschiedlich sind (Denny Malone mit seinen tätowierten Armen, seinen Hip-Hop-Sprüchen und seiner Geliebten, ist ein widersprüchlicher Mensch, anständig, arrogant und seinen eigenen Gesetzen nachlebend) und, genau wie die Gangster auch, oft miteinander im Wettstreit stehen. Zudem sind sie korrupt, nicht alle, und in unterschiedlichem Ausmass. Treffend fasst es das Zitat aus Raymond Chandlers, „Lebwohl, mein Liebling“, das dem Buch vorangestellt ist, zusammen: „Auch Cops sind Menschen“, sagte sie leichthin. „Bei den Anfängern soll es das geben, wie ich hörte.“
 
  „Corruption“ ist ein No-Nonsense Buch („Nein, Malone hasst keine Muslime, aber diese dschihadistischen Idioten verflucht er bis in die tiefste Hölle.“) und macht einem wieder einmal klar, das man in einem guten Thriller bessere Aufklärung darüber findet, wie es zugeht auf der Welt, als im Fernsehen oder in der Zeitung. Zudem ist „Corruption“ ein grandioses Porträt von New York. „einer City, die auf Gier errichtet ist und für den Profit lebt.“ Zudem: „Wenn man hier über die Strasse geht, kommen einem fünf Sprachen entgegen, sechs Kulturen, sieben Sorten Musik, hundert verschiedene Menschenarten, tausend Geschichten – und all das ist New York.“
 
  „Corruption“ ist auch ein Thriller darüber, womit Cops klar kommen müssen. Was sie in ihrem Beruf zu sehen kriegen, ist oft extrem grausam und fast nicht auszuhalten – auch, weil sich darüber mit der Familie auszutauschen nicht möglich ist. Nur andere Cops, die solches auch selber erlebt haben, können das, was Cops durchmachen, verstehen, meist ohne Worte.
 
  Malone soll korrupte Strafverteidiger, die Richter kaufen, der Bundesanwaltschaft melden. Die zuständige Bundesanwältin macht ihm klar, dass sie ihn für einen Kriminellen hält, der sich von anderen Kriminellen bestechen lässt. Er selber sieht sich als einer, der für die respektable Gesellschaft die Drecksarbeit macht. „Ihr wollt auf der Upper East Side wohnen oder im Village oder draussen in Westchester, aber ihr wollt nicht, dass die Scheisse in eure gepflegten Vorgärten schwappt. Ihr wollt von mir, dass ich euch das Pack vom Hals halte, aber ihr wollt nicht wissen, wie man das macht.“
 
  „Corruption“ gibt auch einen guten Einblick in die Welt der Sucht und der Drogen. Dabei sind Don Winslow höchst eingängige Sätze gelungen, die die Dinge auf den Punkt bringen: „'Ich überlege gerade, warum ich den Rückfall hatte', sagte sie. Du hattest den Rückfall, weil du süchtig bist, denkt er.“ „Alkoholträume sind die schlimmsten.“ „Einem anderen an seiner Stelle hätte er geraten, sich von dieser Frau zu trennen. Eine Junkie-Beziehung muss man begraben, als wäre sie tot. Man trauert um sie und geht seiner Wege, denn das, was war, existiert nicht mehr. Aber er bringt es einfach nicht fertig, Claudette das anzutun.“
 
  „Corruption“ zeigt höchst eindrücklich auf, dass niemand in einer korrupten Welt niemand sauber bleiben kann. „Der Punkt ist“, denkt Malone einmal: „Wenn die Welt gerecht wäre, wäre auch er gerecht.“ Nur ist sie's natürlich nicht, sie ist so unperfekt wie wir alle.
 
  Dass man dem Schicksal dieses komplexen, korrupten und unperfektem Malone gebannt folgt, mit ihm leidet und hofft, ist der eindrücklichen Schreibkunst Don Winslows zu verdanken. „Corruption“ ist ein überzeugendes, ein starkes Buch.

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