Hauptseite
Rezensionen
Autoren
Themen
Reportagen
Meldungen
Links
Kontakt
Newsletter
Richard Flanagan
Die unbekannte Terroristin
(The Unknown Terrorist)

Piper
2017
Übersetzt von Eva Bonné
448 Seiten
ISBN-13: 978-3492309998
€ 12,-


Von Hans Durrer am 05.05.2017

  Ich lese dieses Buch zum zweiten Mal. Die Lektüre im englischen Original liegt zehn Jahre zurück. Es ist eines der wenigen Bücher, von dem mir einige Sätze fast wörtlich im Gedächtnis geblieben sind. Darunter der allererste: „Die Vorstellung, Liebe könnte nicht genug sein, ist besonders schmerzhaft.“
 
  Natürlich erinnere ich mich an vieles überhaupt nicht, weiss auch gar nicht mehr, worum es eigentlich geht, doch diese ganz eigene Stimmung, in die mich das Buch schon beim ersten Lesen gebracht hat, die ist sofort wieder da – hervorgerufen durch diese wichtigen, wahren Sätze, derentwegen ich Bücher lese.
 
  „Sie glaubte fest daran, dass ihre Genügsamkeit in Schicksalsfragen der Schlüssel zu ihrem Glück sein würde. Sie würde ihr Gesicht der Sonne über Sydney zukehren und sich niemals hinter schlecht zusammengeschusterten Traumbildern verstecken.
  Denn im Gegensatz zu Jesus und Nietzsche war die Puppe keine Träumerin. Sie selbst hätte sich eine Realistin genannt. Realismus bedeutet, die Enttäuschung bereitwillig anzunehmen, um nicht enttäuscht zu sein.“
 
  Es ist ein eigenartig Ding mit den Übersetzungen. Auch bei guten Übersetzungen, zu denen die vorliegende von Eva Bonné gehört (obwohl, so richtig beurteilen kann ich das nicht, doch liest sich der deutsche Text bestens), gibt es gelegentlich Irritationen. Bei mir ist es die folgende: Im Original heisst die Protagonistin „The Doll“ was völlig korrekt mit „Die Puppe“ übersetzt wird, nur dass, jedenfalls in meinen Ohren, Puppe und Doll ganz anders klingen – und ich „The Doll“ nicht so recht aus meinen Gehirnwindungen kriege.
 
  Nun gut. Die Puppe tanzt in einem Striptease-Lokal für finanziell Gut-Situierte. Am Strand lernt sie Tariq kennen, der den Sohn ihrer Freundin Wilder vor dem Ertrinken rettet. Bei einer Schwulen und Lesben Parade, bei der auch Wilder mitmacht, trifft die Puppe Tariq wieder. Sie geht mit ihm nach Hause, am andern Morgen ist er fort. Sie verlässt seine Wohnung und sieht von einem Coffeeshop aus wie das Gebäude von der Polizei umstellt wird. Gerüchte und Mutmassungen schiessen ins Kraut. „Ein älterer Man drehte sich zu schwulen Pärchen und geföhnten Damen mit geföhnten Hunden vorbei zur Puppe um und sagte, die Polizei sei einem Terroristen auf der Spur. 'Diese Schweine gehören erschossen', sagte die Puppe, weil man das eben sagte und weil sie, die über derlei Themen kaum nachdachte, mehr oder weniger dieser Ansicht war.“
 
  Solcher Sätze wegen liebe ich dieses Buch. Und wegen diesen, welche die Welt, in der die Puppe sich bewegt, auf den Punkt bringen: „Sie eilte an schwulen Pärchen und geföhnten Damen mit geföhnten Hunden vorbei, an exquisiten Feinkostläden, wo ein Päckchen Chemoulagewürz mehr kostete als das Pulver, das einem an der Strassenecke angeboten wurde; wo ein paar Scheiben importierten Schinkens den Gourmet ebenso viel kosteten wie den Freier einen Blowjob auf der Darlinghurst Road.“
 
  Tariq wird als Terrorist verdächtigt, und auch die Puppe gerät unter Verdacht (Dank eines Kunden des Striptease-Klubs, einem vor dem Rauswurf stehenden Fernsehmoderator, den sie hat abblitzen lassen). Wie Richard Flanagan das allmähliche Hineingleiten der Puppe in eine vollkommen aberwitzige Lage aufzeichnet, ist atemberaubend. Er macht dabei deutlich, dass Situationen vor allem deswegen eskalieren, weil eine ganze Reihe von ignoranten Volltrotteln eigennützig und willkürlich Zusammenhänge erfinden, die dann ein desaströses Eigenleben annehmen.
 
  Höchst eindrücklich wird hier geschildert, wie Gerüchte und 'Fake News' instrumentalisiert werden, um Angst und Panik zu schüren. Wie Voreingenommenheiten anstelle von Fakten treten. Und wie problematisch es ist, auf offizielle Verlautbarungen (sei es von Seiten des Staates oder profitorientierter Medien) zu vertrauen.
 
  „Aber ein Gutes hat die Sache“, sagt die Puppe einmal, „ich weiss jetzt, wie es läuft im Leben. Die Menschen sind weder gut noch schlecht, sie sind einfach nur schwach ... Sie fügen sich der Macht ... Was bleibt Ihnen anderes übrig? Was zur Hölle sollte man dagegen tun?“
 
  „Die unbekannte Terroristin“ ist spannend geschrieben, reich an wirklich schlauen Lebenseinsichten und zudem witzig. „Und obwohl sie es nicht aussprach, hatte die Puppe den Eindruck, dass auch sein Verhalten im Bett nicht zu einem gläubigen Moslem passte. Auf der anderen Seite hatte sie mit gläubigen Moslems im Bett überhaupt keine Erfahrung.“
 
  Fazit: Hellsichtig, clever, packend und anregend. Ein grossartiges Buch!

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

Wenn Sie zu diesem Buch auch eine Kritik schreiben wollen, senden Sie diese bitte per eMail. Diese Mail geht an den Betreiber dieser Seite!
Mails an den Autor der Kritik sind nur möglich, wenn dessen Name ein Link ist. Mit dem Link gelangen Sie zum Portrait des Rezensenten, wo meist auch seine eMail-Adresse zu finden ist. Andernfalls ist keine Kontaktaufnahme erwünscht oder möglich.