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Karine Tuil
Die Zeit der Ruhelosen
(L'Insouciance)

Ullstein
2017
Übersetzt von Maja Ueberle-Pfaff
512 Seiten
ISBN-13: 978-3550081750
€ 24,-


Von Hans Durrer am 05.05.2017

  François Vély ist geschäftlich aussergewöhnlich erfolgreich und hat von seinem Vater mit auf den Weg bekommen: „Wenn du von deinen Freunden nicht enttäuscht werden willst, achte bei ihrer Auswahl auf den Bestand ihrer Bibliothek.“ Es gib noch einige solcher fürs berufliche Fortkommen hilfreicher Lebensweisheiten in Karine Tuils neuestem Buch. „Als Topmanager in einem grossen Wirtschaftsunternehmen wusste François natürlich, dass Misstrauen eine Tugend war.“
 
  Als Vély seine Exfrau informiert, dass er sich wieder verheiraten will, stürzt sich diese aus dem Fenster. Dann entdeckt er, dass seine neue Frau, die Journalistin Marion Decker, eine Affäre mit dem gerade aus Afghanistan zurückgekehrten, schwerst traumatisierten Offizier Romain Roller und dass sein Sohn Thibault von der Spielsucht zum orthodoxen Judentum gewechselt hat.
 
  Parallel dazu erzählt Karine Tuil die Geschichte des Politikers Osman Diboula, der zusammen mit Romain Roller in Clichy-sous-Bois aufgewachsen ist und Karriere gemacht hat, jedoch seines aufbrausenden Temperaments wegen „entsorgt“ und dann, weil es das politische Klima so will, wieder eingestellt wird. Und natürlich führt das Schicksal sie alle zusammen.
 
  „Die Zeit der Ruhelosen“ ist ein gut geschriebenes, spannendes und berührendes Stück Zeitgeschichte – die überzeugende und fesselnde Darstellung des Kampfes aller gegen alle sowie der Gier, die uns im Würgegriff hat, und ihrer Folgen. Sehr gelungen sind besonders die Schilderungen der Leidenschaft zwischen Marion Decker und Romain Roller, inklusive Eifersucht, Misstrauen sowie einem extremen emotionalen Hin und Her; weniger überzeugend sind hingegen die Selbstmordspielereien von Osman Diboula, nachdem er bei der Geburtstagsfeier der Präsidentengattin abgewiesen wurde.
 
  Als François Vély auf der Skulptur eines norwegischen Künstlers, die eine schlanke schwarze Frau in einer obszönen Haltung zeigte, fotografieren lässt, entlädt sich in den sozialen Medien ein „shitstorm“ über ihn, gegen den er sich unter anderem wie folgt wehrt: „Man kann heute offenbar nicht mehr mit den Codes von Rasse, Religion und Herkunft spielen, ohne gleich des Rassismus verdächtigt zu werden, man kann Sexualität und Erotik nicht mehr darstellen, ohne die Moral der Selbstgerechten auf den Plan zu rufen. Das ist intellektueller Totalitarismus!“
 
  So recht er haben mag, dass er dabei sein eigenes Verhalten, dass unsensibler nicht hätte sein können, vollständig ausser Acht lässt, kontert sein einziger schwarzer Geschäftspartner mit vor Zynismus triefenden Worten. „Wenn ich meinen Hintern auf das Original von Allen Jones platziert hätte, du weisst schon, diese weisse Frau mit dem blonden Pagenkopf und den himmelblauen Wimpern, dann hätte ich teuer dafür bezahlen müssen. Ich wäre auf der Stelle gefeuert worden, mir sässen sämtliche nationalistischen weissen Vereinigungen der USA im Nacken, ich würde Morddrohungen erhalten und nicht nur ich, meine Frau und meine Kinder auch! Vielleicht würden sie mich am Ende sogar umbringen. Aber du bist weiss, sie werden dich eine Weile der Form halber abkanzeln, aber letztlich werden sie dich verschonen.“
 
  Es ist zwar recht viel vom Rassismus die Rede in diesem Buch, doch eben nicht schwarz/weiss, sondern aus ganz unterschiedlichsten Perspektiven. So will etwa Sonia, die Freundin und spätere Gattin von Osman Diboula mit dem Opfer-Geheule nichts zu tun haben. Auch wird eindrücklich aufgezeigt, wie die sich als Opfer-Fühlenden selber zu Tätern werden.
 
  Dass der Mensch nun mal, wie Freud einst an den Schweizer Pfarrer Pfister schrieb, eine wenig erfreuliche Erscheinung ist (ich zitiere aus dem Gedächtnis), zeigt sich unter anderem in Neid und Missgunst. In „Die Zeit der Ruhelosen“ werfen sich diese ungebremst auf François Vély, der von einem Tag auf den andern einfach gar nichts mehr richtig machen kann. Der Satz von Warren Buffet geht einem unweigerlich durch den Kopf: „Es braucht 20 Jahre, um einen guten Ruf aufzubauen, und 5 Minuten, um ihn zu ruinieren.“
 
  „Die Zeit der Ruhelosen“ schildert eine Welt im Krieg und handelt so recht eigentlich (und überaus packend) fast alles ab, was im gegenwärtigen Frankreich (und in der politischen Welt allgemein) ein Thema ist: der Antisemitismus, das westliche Engagement in Afghanistan, das Söldnerwesen im Irak, die sexuellen Gepflogenheiten auf den Chefetagen, die Krise in den Vorstädten von Paris, der Kampf um die Vorherrschaft in den Vorstandsetagen der grossen Konzerne. Doch weder den Gefühlen (... in Liebesdingen verhielt sie sich, die Fachfrau für Finanzanalysen, die vor männlich dominierten Verwaltungsräten komplexe Argumentationsketten abspulen konnte, nicht viel klüger als eine Arztroman-Leserin aus den 1980er-Jahren.“) noch der eigenen Herkunft lässt sich entkommen.
 
  Fazit: Fesselnd geschrieben, aufwühlend und nachdenklich machend. Nicht zuletzt Sätzen wegen wie dieser: „In unserer Gesellschaft ist etwas sehr Ungesundes im Gange, alles wird durch den Blickwinkel der Identität betrachtet. Jeder wird auf seine Herkunft festgelegt, egal, was er tut. Versuchst du, aus diesem Muster auszubrechen, halten sie dir vor, dass du dein wahres Ich verleugnest, und stehst du dazu, wirst du als rückgratloser Mitläufer verunglimpft.“

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