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Bernard Minier
Wolfsbeute
(N'éteins pas la lumière)

Droemer
2016
Übersetzt von Antoinette Gittinger
640 Seiten
ISBN-13: 978-3426304587
€ 14,99


Von Hans Durrer am 22.03.2017

  Christine Steinmeyer, die unter verschiedenen Phobien leidende Starmoderation von Radio 5, dem zweitgrössten Sender der Region Midi-Pyrénées, der grössten Region Frankreichs (so gross wie Dänemark und grösser als Belgien – es gibt einige solcher interessanten Infos in diesem Thriller), findet am Weihnachtsabend in ihrem Briefkasten einen Brief mit einer Suizidandrohung, der noch ein weitere Drohung zu enthalten schien. Sie denkt an einen Irrläufer, glaubt nicht, dass sie die Adressatin des anonymen Schreibens ist. Doch dann meldet sich ein Hörer in ihrer Live-Sendung und macht sie für den Tod eines Menschen verantwortlich.
 
  Parallel zu dieser Stalker-Geschichte – Bernard Minier ist ein Meister, die damit einhergehende Paranoia der Opfer zu schildern – wird Kommissar Martin Servaz, der in einem Sanatorium wegen seiner Depression behandelt wird, gestalkt: Er erhält einen anonyme Aufforderung sich einem Hotelzimmer in Toulouse einzufinden, exakt an dem Datum, als sich dort ein Jahr zuvor eine Künstlerin umgebracht hat.
 
  Wolfsbeute ist wesentlich ein gut gemachter Thriller über Stalking. „Ständig befand sie sich in einer Atmosphäre der Anspannung und der Angst: Nie wusste das Opfer, woher der nächste Angriff kommen würde oder wann. Und der Täter hatte zwei Gesichter: Nach aussen nett, freundlich und sympathisch, aber zu Hause instabil, jähzornig und herablassend – und für Aussenstehende stand als gestört und asozial plötzlich das Opfer da, wenn es eines Tages im falschen Moment falsch reagierte.“
 
  Mobbing und Stalking sind nicht weit auseinander. Bei beiden geht es letztlich darum, das Opfer zu beherrschen. „Wie sagte doch George Orwell in 1984: 'Macht heisst, einen menschlichen Geist in Stücke zu reissen.'“
 
  Christine Steinmeyer wendet sich auf Anraten eines Freundes an die Polizei – und wird verhaftet. Allein die Schilderung dieser Szene lohnt die Lektüre von Wolfsbeute: Das Zusammenprallen der biederen Polizisten-Welt mit der Angst-Realität der Radiomoderatorin macht einen glauben, die Polizisten lebten in einer Normalo-Höhle und nicht in der furchterregenden, wirklichen Welt.
 
  Beeindruckend ist wie Minier die zunehmende Paranoia schildert, in die Christine gerät. Wie er am sauberen Mythos der Astronauten kratzt. Wie er höchst plausibel darlegt, wie Christine von der Opfer in die Täter Rolle wechselt. Und wie er, kaum glaubt man sich zurücklehnen zu können, weil doch jetzt klar ist, wer hinter dem Ganzen steckt, einen wieder überrascht und in eine neue Richtung führt.
 
  Bernard Minier verfügt über eine ausgesprochen grausame und reichlich bizarre Phantasie – seine Schilderungen gewalttätiger Akte sind nichts für zarte Gemüter. Das hat er bereits in den Vorläufern zu diesem Band – Schwarzer Schmetterling und Kindertotenlied – gezeigt und wie schon dort, ist Hirtmann, der Psychopath und ehemalige Genfer Staatsanwalt, auch in Wolfsbeute wieder präsent. Dieses Mal in Gestalt des krankhaften Manipulators Léonard Fontaine. Das meint man als Leser jedenfalls über weite Strecken, doch erst zum Schluss wird, wer Täter und wer Opfer ist (und dass Täter auch Opfer sind und umgekehrt).
 
  Wolfsbeute ist nicht nur ein exzellenter Psychothriller, sondern auch ein Buch über die Musik von Gustav Mahler, die Faszination der Oper und darüber, dass man in einer Welt voller frustrierter Schwachköpfe, die ihre Zeit in privaten oder öffentlichen Institutionen absitzen und sich wichtig machen, auch immer auf Typen (Frauen wie Männer) treffen kann, die ein Herz haben und wissen, wovon sie reden und was sie tun.
 
 Fazit: Ein grandioser Pageturner!

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