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Leon de Winter
Geronimo

Diogenes
2016
Übersetzt von Hanni Ehlers
448 Seiten
ISBN-13: 978-3257069716
€ 24,-


Von Hans Durrer am 11.12.2016

  Entweder habe ich es gelesen oder im Fernsehen gesehen: der niederländische Autor Leon de Winter, so meine Erinnerung, trifft in Amsterdam auf einen Navy Seal, der bei der Ergreifung von Osama Bin Laden in Pakistan mit dabei war. Die Geschichte, die Regierung und Massenmedien verbeitet hätten, entspräche nicht dem, was tatsächlich vorgefallen sei, so der Mann. Ob er Leon de Winter dann die wahre Geschichte erzählt hat oder nicht, erinnere ich nicht mehr. Ob „Geronimo“ die wahre Geschichte erzählt, weiss ich auch nicht; ich halte sie für so wahr, wie Geschichten, die sich an der Realität orientieren, nun mal sind beziehungsweise sein können. Also für ziemlich wahr.
 
  „Geronimo“ ist ganz vieles: bewegende Liebesgeschichte, fesselnder Thriller, gelungene Hommage an Bachs Goldberg Variationen, Aufklärung über das grausame Hinterwäldlertum der Taliban. Und vor allem: ein wirklich tolles Buch!
 
  Schon der Auftakt! Ein Telefongespräch zwischen Tom Johnson, der sich gerade in Tel Aviv aufhält, und seiner Ex-Frau Vera Barranco, einer Kunsthändlerin. „Da tut sich viel in der Kunstszene, ich müsste eigentlich auch mal für ein paar Wochen hin.“ Besser kann man gängige Klischees über Tel Aviv kaum unterlaufen.
 
  „Geronimo“ lautete das Codewort, welches das Navy Seals Team durchgeben sollte, wenn sie Bin Laden gefunden hatten. Dieser lebt mit seiner Familie in einem Haus im pakistanischen Abbottabad, des Nachts macht er jeweils Ausflüge auf seinem Motorrad und lernt dabei auch Apana, ein afghanisches Mädchen, kennen, das die Taliban verunstaltet haben. Er nimmt sie mit zu sich. Dann greift das Navy Seals Team an ...
 
  De Winter zeichnet ein vielschichtigeres Bild von Bin Laden als wir aus den Medien kennen. Auch über den Islam lernte ich für mich Verblüffendes. „Er hatte Sympathie für den Islam, eine Religion für Ausgestossene.“ Und de Winter nennt die Dinge beim Namen. „Ich nickte. Die Hisbollah verstümmelte die Leichname ihrer Feinde. Primitiv, tribalistisch, rituell.“
 
  „Geronimo“ ist ein aussergewöhnlich berührendes Buch darüber, „um was es im Leben geht, Schmerz und Liebe und Sehnsucht und Hoffnung und Verlust“. Besonders eindrücklich gelungen sind die Auseinandersetzungen mit Bachs Goldberg Variationen, gespielt von Glenn Gould, dem Hypochonder und Perfektionisten, „paranoid, eine Laune der Natur“, durch die er zum Werkzeug einer höheren Macht wurde.
 
  „Und durch die geöffnete Tür sah ich Apana heinkommen, mit offenem Mund, die grossen blauen Augen aufgerissen. Sie trat ein paar Schritte auf mich zu, nein, sie schritt, muss ich sagen, und dann blieb sie minutenlang reglos stehen, als hätte sie Angst, als sträubte sie sich gegen etwas, was sie mitriss, dieses dünne Mädchen, dunkel wie ihr Vater, glänzend gebürstetes schulterlanges Haar, lange Wimpern, gelbe Strickjacke über wadenlangem geblümten Kleid, leichte Hose, schmutzige weisse Pantoffeln – eine kleine afghanische Version von Vermeers 'Mädchen mit dem Perlenohrring'. Schutzlos stand sie in Bachs Universum, in dem sich eine Note wunderbar natürlich zur anderen fügte und einen harmonischen Fluss bewirkte, der über die Natur hinausragte. Sie schaute zu den Lautsprecherboxen, sah mich an, verzweifelt fast, um eine Antwort auf die Frage flehend, warum ihr das aufgebürdet wurde, warum sie inmitten der Unvollkommenheit das Vollkommene erfahren musste. Sie wusste von dem Moment an, dass Schönheit schmerzte, weil ihre Erfahrung endlich war – das wusste ich, weil ich es selbst als Kind so erlebt hatte.“

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