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Remco Campert
Hôtel du Nord

Edition Rugerup
2016
Übersetzt von Marianne Holberg
110 Seiten
ISBN-13: 978-3942955591
€ 17,90


Von Hans Durrer am 20.11.2016

  Die ersten Sätze waren es, die mich sofort in dieses Buch reingezogen haben. „In der dritten Nacht seines Aufenthaltes in dem Hotel an der nordfranzösischen Küste träumte Walter Manning von Afrika. Weder in Wirklichkeit noch in früheren Träumen war er jemals in diesem Teil der Welt gewesen ...“. Warum packen mich diese Sätze? Ich weiss es nicht. Dazu kommt, dass ich wenig von Motivforschung halte, denn das Ursache/Wirkung-Denken ist mir für seelische Vorgänge zu simpel. Doch diese Sätze machen etwas mit mir, lösen Bilder im Kopf und damit Gefühle aus. Und obwohl ich selber einmal eineinhalb Jahre in Afrika verbracht habe und noch nie an der nordfranzösischen Küste gewesen bin (Fotos habe ich hingegen gesehen) stellen sich in meinem Kopf zuerst Bilder vom rauen Meer und einem einsamen Hotel am Strand ein, gefolgt von Erinnerungen an meinen Aufenthalt in einem Hotel an der Atlantikküste Uruguays, im Winter, bei nasskaltem Wetter. Dann werden diese Bilder übergangslos abgelöst von Erinnerungen ans warme Afrika, an Malawi, Sambia und Südafrika.
 
  Dass jemand aus einem Impuls heraus sein bisheriges Leben verlässt, ist eine vielversprechende Ausgangslage, doch dass es – wie auch hier – immer ein erfolgreiches Leben sein muss, dass man verlässt, finde ich eigenartig fantasielos, was „Hôtel du Nord“ beileibe nicht ist. Vielmehr ist es ein nachdenklicher Text über einen Mann, der sich dieser Welt, in der fast alle anscheinend klaglos akzeptierten, dass die Dinge nun einmal so sind wie sie sind, nicht zugehörig fühlt. „Wenn er überhaupt eine Bestimmung hatte, dann führte ihn sein jetziges Leben immer weiter von dieser Bestimmung weg. Mit seinem gesunden Menschenverstand als Kompass war er von Eisscholle zu Eisscholle gesprungen, ohne dabei je das Gefühl zu haben, bei sich zu sein.“
 
  Nach zwei Jahren Enthaltsamkeit, beginnt Walter Menning wieder mit dem Trinken. In der Hotelbar unterhält er sich mit der Besitzerin Germaine Lecouvreur, hängt Gedanken über Filme nach (er schreibt Drehbücher, seine Freundin Nora ist Schauspielerin) und denkt sich unter anderem dies: „Das Beste wäre, wenn er selbst die Fragen stellen würde und Germaine Lecouvreur einfach reden liesse. So lief es bei Polizeiverhören auch ab, man musste nicht einmal ein Filmliebhaber sein, um das zu wissen.“
 
  Während Walter selber nicht recht zu wissen scheint, was er an der nordfranzösischen Küste macht, kehrt seine Freunding Nora von einem Gastspiel in Berlin nach Amsterdam zurück. Wie alle Schauspieler braucht sie viel Aufmerksamkeit und Zustimmung – dass sie letztere bei den Proben zu einem neuen Stück nicht bekommt, macht ihr zu schaffen, dass sie nichts von Walter hört ebenso, obwohl sie ihn nicht wirklich vermisst, zu problematisch ist ihre Beziehung zu ihm, der im Alter ihres Vaters ist, im Laufe der Zeit geworden.
 
  Remco Campert schildert das Verhältnis der beiden differenziert und gut nachvollziehbar. Es ist eine berührende und etwas traurige Geschichte, die er erzählt. Nichts Dramatisches geschieht, doch man spürt, dass den beiden ihr Leben zunehmend entgleitet, obwohl man sich nicht sicher ist, ob sie es jemals im Griff hatten (und sich fragt, ob sowas eigentlich möglich ist).
 
  Neben Walter und Nora treten noch weitere Personen auf. Wie diese – etwa die Journalisten Xavier Audran und Henri Donk – zueinander in Beziehung gesetzt werden, ist ein dramaturgisches Meisterstück. Als dritte Hauptperson (alle drei machen gedanklich Reisen in ihre jeweiligen Vergangenheiten) kommt der Filmemacher Mike Groenewey ins Spiel, der, was immer er auch sieht, als Film wahrnimmt und im Zug von Berlin nach Amsterdam in Luis Buñuels Erinnerungen liest: 'Die Imagination ist unser oberstes Prinzip. Unerklärlich wie der Zufall, der sie provoziert. Mein Leben lang habe ich mich bemüht, die zwanghaften Bilder, die sich mir aufdrängen, einfach aufzunehmen, ohne sie verstehen zu wollen.' „Den Zufall kann man nicht suchen, dachte Mike, aber man muss ihn erkennen, wenn er einem begegnet.“
 
  Wer mit solchen Gedanken etwas anfangen kann, der sollte dieses clevere, amüsante und wunderbar stimmungsvolle Buch, das mit einem überraschenden Schluss endet, unbedingt lesen.

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