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Brigitte Schwaiger
Wenn Gott tot ist

Czernin
2012
112 Seiten
ISBN-13: 978-3707604245
€ 19,80


Von Hans Durrer am 24.10.2016

  Brigitte Schwaigers erstes Buch, „Wie kommt das Salz ins Meer“, verkaufte sich allein im deutschsprachigen Raum über 500'000 mal. Dieser Erfolg, so Benedikt Föger, der Verleger des Czernin Verlags, im Vorwort zu „Wenn Gott tot ist“, habe unter anderem zum Vorschein gebracht, dass sie an Depressionen und einer schizoiden Persönlichkeitsstörung litt. Die Autorin hat sich in ihrem autobiografischen Bericht „Fallen lassen“ darüber ausgelassen. Und auch in „Wenn Gott tot ist“ kommt sie auf ihre Borderline-Erkrankung zu sprechen.
 
  Sie schreibt in diesen unvollständigen Memoiren so wie ein Kind denkt und redet. Und das ist als Kompliment gemeint, denn unser Erwachsenengetue ist nur aufgesetzt, ist reine Fassade.
 
  „Meine Mutter hat ein Parfum, das heisst Chanel 5. Und sie führt ein Tagebuch. Sie hat durchscheinende Nachthemden und einen schwarzen, mit Gold verzierten Rock, den sie aber nicht anzieht, weil er sehr teuer ist. Der Vater hat viele Krawatten und bekommt jedes Jahr zum Geburtstag, zum Vatertag und zu seinem Namenstag eine neue. Auch zu Weihnachten. Der Papa schenkt uns Kindern nichts. Er arbeitet eh das ganze Jahr für uns und sagt: 'Ich schenke euch meine Liebe.'“
 
  Lustig und tragisch, dieses Paar durchzieht das ganze Buch..
 
  Sie wächst katholisch auf und wundert sich über diese eigenartige Lehre („... und dann die Kirche voller Bilder und Statuen, und es hiess doch: Mache dir kein Bild!“). Sie wundert sich auch über ihre Nazi Eltern. „Im Geschichtsunterricht lernen wir nichts über Gaskammern, und die Eltern sagen, die Gaskammern seien nach dem Krieg erst von den Amerikanern gebaut worden, sie wüssten das.“
 
  Sie heiratet einen Macho-Spanier, trennt sich wieder von ihm und es beginnen die Jahre, „in denen ich nicht begriff und (bis heute) nicht begreife, warum ich leben muss und wozu.“ Sie leidet unter Depressionen, nimmt ständig Valium, geht zur Therapie, verschweigt jedoch viel.
 
  Sie geht ein Verhältnis mit Friedrich Torberg ein, der einundvierzig Jahre älter ist als sie. Er unterstützt sie, tritt für sie ein. Als er im November 1979 stirbt, fühlt sie sich zuerst befreit und dann verlassen.
 
  Sie landet auf dem Sozialamt, dann in der Psychiatrie. Tabletten und Alkohol. Sie leidet an Wahnvorstellungen, Anfang 2004 zwei Selbstmordversuche. „Der Borderliner“, zitiert sie, „sucht sein Leben lang die Liebe, und wenn sie kommt, kann er sie nicht ertragen, er flüchtet.“
 
  Brigitte Schwaiger geht mit ihrem Schicksal nicht weinerlich um, sie beklagt sich nicht, sondern notiert, was ihr zustösst, versucht zu fassen, was ist. Sie berichtet unprätentiös, wirkt immer mal wieder fragil und verwirrt und vor allem sehr menschlich.
 
  „Wenn Gott tot ist“ ist ein sehr berührendes Buch.

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