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Emily Walton
Der Sommer, in dem F. Scott Fitzgerald beinahe einen Kellner zersägte

Braumüller Verlag
2016
168 Seiten
ISBN-13: 978-3992001521
€ 19,90


Von Hans Durrer am 16.09.2016

  Emily Walton kann hervorragend Stimmungen vermitteln. Ich jedenfalls fühlte mich schon nach wenigen Zeilen vor Ort an der Côte d'Azur. Lebensgefühle von vor vielen Jahren, als ich mich selber an dieser Küste aufgehalten habe, bemächtigten sich meiner. Die Bäume, der Strand, die Gerüche, doch vor allem das Licht.
 
  F. Scott Fitzgerald ist enttäuscht, dass der Grosse Gatsby nicht den erhofften Verkaufserfolg brachte. Er malt sich aus, was für ein grosser Erfolg sein nächster Roman werden wird. „Davon ist er überzeugt. F. Scott Fitzgerald träumt nicht im Konjunktiv.“
 
  Es gibt viele so schöne Sätze in diesem wunderbar gelungenen Buch. „Hadley sieht nicht glücklich aus, als sie in Antibes ankommt. Frauen, die vermuten, dass ihr Mann fremdgeht, sind selten gut gelaunt.“
 
  Doch worum geht's? Scott und Zelda Fitzgerald halten sich mit ihrer viereinhalbjähirgen Tochter Scottie in Juan-les-Pins auf, wo Scott an seinem neuen Roman arbeiten will, doch nicht viel zustande bringt. Ihre Freunde Sara und Gerald Murphy residieren ganz in der Nähe. Bei ihnen treffen sich unter anderen Pablo Picasso, Dorothy Parker, Cole Porter, Fernand Leger und Ernest Hemingway.
 
  Scott liest Hemingways Fiesta. Und hat Vorbehalte, die er Ernest im Gespräch erläutert. „Ernest ist gekränkt, doch nur vorübergehend. Er war noch nie jemand, der Gefühlen den Vortritt gegenüber Tatsachen gelassen hat. Er will Taten setzen, verlangt von Scott konkrete Beispiele, damit er das Manuskript entsprechend bearbeiten kann. Es ist ein Freibrief für Scott, sich als Mentor und Lektor aufzuspielen.“
 
  Scott geht ständig auf Partys, trinkt viel zu viel, fällt zunehmend aus dem Rahmen, verliert immer mehr die Kontrolle, ist orientierungslos und überhaupt ganz anders gestrickt als die anderen, die sich auf Sara und Gerald Murphys Anwesen über Kunst und Kultur austauschen. Zelda kränkelt und zieht sich mehr und mehr zurück.
 
  Emily Walton zeichnet F. Scott Fitzgerald als destruktiven Egomanen, der nicht nur sich selber zugrunde richtet, sondern auch das Leben der Menschen um ihn herum, auch der ihm wohlgesinnten, massiv beeinträchtigt. Die entspannten, faulen südfranzösischen Tage bilden einen eigenartigen Kontrast zu Scotts manischem Alkoholismus.
 
  So ansprechend und mit leichter Feder das alles geschildert ist, Waltons gelegentliche Erklärungsversuche für Scotts Saufen fallen dagegen ab. „Dabei hat Scott nicht getrunken, um das runde Alter und drei Jahrzehnte zu feiern, viel eher, um dieses Erlebnis mäglichst benebelt hinter sich zu bringen. Den Tag X. Bereits seit Jahren beschäftigt sich Scott mit dem 24. September 1926, mit seinem Dreissiger.“ Sicher, es klingt plausibel, dass er diese gefürchtete Schwelle lieber besoffen überschreiten wollte und vielleicht, war es ja auch so. Nur eben, Alkoholiker – und Scott scheint einer gewesen zu sein – brauchen keine Gründe, auch keine einleuchtenden, um zu trinken. Sie trinken, weil sie Alkoholiker sind.
 
  Fazit: Ein sehr informatives, schön und gekonnt erzähltes, überzeugendes Buch!

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