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Bernd Stiegler (Hrsg.)
Texte zur Theorie der Fotografie

Reclam
2012
376 Seiten
ISBN-13: 978-3150187081
€ 11,-


Von Hans Durrer am 13.10.2012

  In der Vorbemerkung nimmt Herausgeber Bernd Stiegler Bezug auf den Kunstwissenschaftler Michael Fried, der in seinem 'Why Photography Matters as Art as Never Before', meinte: „Die Fotografie der Gegenwart wird als ein Medium wahrgenommen, das nicht nur theoriefähig ist, sondern nachgerade eine Theorie erforderlich macht, ja sogar implizit entwickelt.“ Nun ja, theoriefähig ist so recht eigentlich ziemlich alles, und wenn es in die Hände eines Akademikers fällt (Stiegler nennt die Fotografie ein „theorieaffines Medium“) dann natürlich ganz besonders, denn schliesslich muss dieser ja auch etwas zu tun haben und von etwas leben können.
 
  Nichtsdestotrotz, festzustellen ist, dass theoretische Untersuchungen über ganz vielfältige Aspekte der Fotografie in den letzten Jahren markant zugenommen haben. Und, so Stiegler in seiner Vorbemerkung, dass die Fotografie in der Kunstgeschichte angekommen sei und in ihr eine wichtige Rolle übernommen habe (man denke etwa an den Kunstmarkt, wo Fotografien Höchstpreise erzielen), sie in engem Bezug zum Realen stehe sowie Fragen der Repräsentation und Wahrnehmung aufwerfe.
 
  Das Buch ist in sechs Abschnitte beziehungsweise Themenblöcke unterteilt, die jeweils mit einer eigenen Einleitung versehen sind.
 
  Sich mit Fotografie beschäftigen heisst, sich mit Wahrnehmungsfragen auseinanderzusetzen. Fotografien seien, so lese ich in der Einleitung zum Abschnitt über „Fotografie und das Reale“, „mediale Konstruktionen der Wirklichkeit“. Sie zeigen uns, „was zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Kontexten als Wirklichkeit und als visuelle Wahrheit zu fassen ist.“ Ja, schon, doch nur von einigen und überhaupt: Kontexte sind ja auch Konstruktionen. Gefallen hat mir in diesem ersten Abschnitt vor allem der kurze Text von Brecht, von dem ich bisher geglaubt hatte, er stamme von Benjamin. Anregend fand ich auch die Überlegungen Baudrillards: „Wir glauben, die Welt mit der Technik zwingen zu können, aber die Welt zwingt uns durch die Technik, und der Überraschungseffekt dieser Umkehrung ist beträchtlich. Sie glauben, eine bestimmte Szene zum Vergnügen zu fotografieren – tatsächlich ist es sie, die fotografiert werden will! Sie sind nur Komparsen in ihrer Inszenierung.“ Und: „Die Magie des Fotos ist, dass das Objekt alle Arbeit macht. Die Fotografen werden das niemals zugeben ...“.
 
  Die Einleitung zu Abschnitt 2 (Fotografie und Indexikalität) liess mich ratlos, ich verstand sozusagen gar nichts. „An die Stelle der Ähnlichkeit der Mimesis tritt nun die Natürlichkeit der indexikalischen Referentialität; und anstelle einer dem Bild inhärenten Bedeutung eine Semantik der und eine Semantik als Pragmatik.“ Weshalb nur dieser Jargon? Der Mann kann doch auch ganz anders wie die Einleitungen zu Fotografie und Kunst, Fotografie und Wahrnehmung, Fotografie und Gesellschaft, Fotografie im digitalen Zeitalter zeigen – sie sind gut lesbar, aufschlussreich und anregend.
 
  Der Band vereint über 25 Texte von ganz unterschiedlichen Autoren, von Oliver Wendell Holmes (der Lukrez' „De rerum natura“ falsch als „De natura rerum“ zitiert) über Laszlo Moholy-Nagy zu Pierre Bourdieu und Susan Sontag. Besonders gut gefallen hat mir das Gespräch mit dem Titel „Wie sieht der Fotograf?“ von Raoul Hausmann und Werner Gräff aus dem Jahre 1933, das mit dieser ganz ungewöhnlichen Bemerkung von Hausmann eingeleitet wird: „Lieber G., die Erfahrung lehrt, dass fast alle Fotografierenden von den wichtigsten künstlerischen Fragen keine Ahnung haben. Bildausschnitt, Blickführung, Verhältnis von Raum und Form – das alles sind den meisten leere Begriffe.“
 
  „Es geht bei der Fotografie ... um eine reflektierte Darstellung, um ein Bild des Bildes der Wirklichkeit ... Die Fotografie verdoppelt nicht die Wirklichkeit, sondern konstituiert das Bild der Wirklichkeit“, behauptet Bernd Siegler. Hinzuzufügen beziehungsweise zu präzisieren wäre: Nicht 'das' Bild sondern 'ein mögliches' Bild unter vielen anderen möglichen Bildern. Wer Lust und Neigung verspürt, sich dazu Gedanken und dabei einige Entdeckungen zu machen, ist mit diesem Buch bestens bedient.

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