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Brigitte Schwaiger
Fallen lassen

Czernin Verlag
2006
114 Seiten
ISBN-13: 978-3707600827
€ 19,80


Von Hans Durrer am 30.09.2012

  1995 zeigte die österreichische Schriftstellerin Brigitte Schwaiger zum ersten Mal einer psychiatrischen Krankenschwester ihre sich selbst zugefügten Hautverletzungen. "Sie hätte das Wort "Borderline-Syndrom" aussprechen müssen, dann wäre ich nicht noch jahrelang wegen endogener Depression behandelt worden. Ein Borderliner kann depressiv sein, kann entsprechende Medikamente schlucken, doch erfordert das Borderline-Syndrom, die Borderline-Persönlichkeitsstörung eine Spezialbehandlung."
 
  Zwei Jahre später, 1997, suchte sie einen Psychiater auf. Sie hörte Stimmen. "Ein ganzes Konzert war es einmal, so wie ich in Träumen manchmal von einem Abgrund in den anderen falle." Ende 2001 fühlte sie sich dann "so kaputt vom vielen Nachgrübeln über mein unglückliches Leben, dass ich mich, es war der 19. Jänner 2002, auf die Baumgartner Höhe einliefern liess." Ihre Freunde besuchen sie dort nicht. "Es kommt ja niemand zu dir, wenn du psychisch krank bist. Allen erscheinst du fad. Du hast immer Depressionen, du lachst nie ...".
 
  "Fallen lassen" ist eine beklemmende Lektüre und dabei voll von Sätzen, die ich mir angestrichen habe, weil ich sie auf die eine oder andere Art bemerkenswert fand."Sie raucht fast pausenlos, es rauchen fast alle psychisch Kranken eigentlich fast pausenlos ...". Eigenartig, wie kommt das nur? Geben Zigaretten einem Halt? "Man hat ja, wenn man ausser Borderline auch angstkrank ist, oft Angst." Und da hatte ich doch bisher immer gedacht, Angst sei ein Teil der Borderline-Krankheit; offenbar nicht nur, es kann das auch eine eigene Krankheit sein.
 
  Borderliner sind extrem sensible Menschen, sie haben ein ganz aussergewöhnliches Sensorium für die Stimmungslagen anderer Menschen und sind so recht eigentlich geradezu dafür geschaffen, anderen zu helfen. Bedauerlicherweise werden sie dabei häufig ausgenutzt. "Warum hat er nicht den psychosozialen Dienst angerufen? Warum die alte Brigitte Schwaiger, die immer da war, wenn man sie brauchte, der man alle Sorgen erzählen konnte, und die gemieden wurde, wenn die Sorgenkinder eine gute Zeit hatten. Erfolge etc. und erst wieder, wenn eine Ehe geschieden war, traten sie wieder an und ein. Dann durfte ich Partnerberatung spielen, ohne Honorar natürlich, und der Dank war, dass die jeweiligen Partnerinnen dann auf mich eifersüchtig waren ...".
 
  Borderliner, da sind sich viele, die sich eingehend mit diesem Phänomen auseinandergesetzt haben, einig, brauchen eine Spezialbehandlung. Und auch wenn nicht wirklich klar ist, wie eine solche auszusehen hat, die Patienten-Durchmischung in psychiatrischen Kliniken (wohl aus ökonomischen Gründen) ist alles andere als ideal. "Was habe ich gemein mit einem Heroinsüchtigen, damit meine ich, dass seine Welt mir fremd und meine ihm, dass Gedankenaustausch kaum möglich ist, dass es keine Gesprächsebene gibt, und was habe ich gemein mit einem Patienten, der wegen Panikattacken hier ist, bei dem aber keine Selbstmordproblematik vorliegt?" Und, an anderer Stelle: "Der Selbstschädiger soll nicht mit jemanden, der gern andere schädigt, beisammensein müssen."
 
  "Wenn es einmal für einen Menschen keine Schande mehr ist, dass er in psychiatrischer Behandlung war, kann man vernünftig über vieles sprechen." Brigitte Schwaiger, indem sie sich ge-outet hat, differenziert und klug, hat ihren Teil dazu beigetragen, damit wir über Borderline und psychiatrische Behandlung vernünftig reden können.

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