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Susan Neiman
Moralische Klarheit
Leitfaden für erwachsene Idealisten

Hamburger Edition
2010
492 Seiten
ISBN-13: 978-3868542233
€ 32,-


Von Hans Durrer am 27.02.2011

  Im Vorwort zur deutschen Ausgabe liest man, worum es in diesem Buch geht (beziehungsweise gehen soll, denn es geht darin noch um vieles Andere): "Wer unverfroren von Moral, Ehre, Eigenverantwortung oder Helden spricht, wird als konservativ, wenn nicht rechts eingestuft. Wer herumnuschelt, wenn nach Idealen oder Fortschrittt gefragt wird, steht heute eher links. Dies hat seine Ursache in den kulturellen Entwicklungen, deren philosophische Grundsätze hier analysiert werden. Doch das Buch will nicht nur analysieren; die Leser werden auch aufgefordert, den Mut aufzubringen, Begriffe zu benutzen, die ihnen vorher peinlich erschienen. Denn ohne die Sprache der Moral sind wir nicht einmal in der Lage, die Welt zu beschreiben - geschweige denn, sie zu verändern."
 
  Und, hält das Buch, was es verspricht? Ja, das tut es. Gleichzeitig gilt: so spannend, inspirierend und lehrreich ich vieles fand, so nervig fand ich anderes. Zum Beispiel die ausführliche Auseinandersetzung mit Robert Kagans These ("Eine der grössten Differenzen zwischen Europäern und Amerikanern ist heute eine philosophische, ja metaphysische Kontroverse darüber, wo genau die Menschheit auf dem Kontinuum zwischen den Gesetzen des Dschungels und den Gesetzen der Vernunft steht"), der damit viel zu viel Bedeutung beigemessen wird und der Autorin vor allem willkommener Anlass ist, sich ausführlich (und, ja, anregend) über Hobbes und Kant auszulassen, doch dabei gelegentlich in Behauptungen abzudriften, die wohl mehr mit Wunschdenken als mit der Realität nach Bush, Cheney, Rice und Rumsfeld gemein haben: "Sogar für diejenigen, die nicht mehr an ihre Verwirklichung glauben, bleibt Amerika die Heimat der Ideale."
 
  "Wenn wir handeln, schaffen wir uns unsere eigene Realität", beschreibt Susan Neiman das nordamerikanische Credo treffend, nennt es jedoch aus mir unerfindlichen Gründen Idealismus. Ich hatte überhaupt ab und zu Probleme zu verstehen, worum es in diesem Bildungsfeuerwerk (von Nietzsche zu Beavis and Butt-head) eigentlich geht und so suchte ich Hilfe beim Klappentext, wo ich erfuhr, Susan Neiman zeige "wie die Welt sein könnte, wenn wir einige der Hoffnungen und Ideale zurückerobern könnten, die uns neuerdings abhanden gekommen sind und legt anschaulich dar, dass Moral und Ideale Menschen noch immer inspirieren und ihnen den Weg weisen, weil sie uns stets den Unterschied zwischen dem Realen und dem Möglichen vor Augen führen." Das ist schön und klar gesagt, doch so schön und klar habe ich das im Buch nicht wirklich vorgefunden, wo ich Sätze fand wie diese:
 "Wenn wir verstehen wollen, was ein moderner Held ist, müssen wir uns einen antiken vorstellen, etwa Achill, den griechischen Helden im Trojanischen Krieg, der stets den Kontrast zu Odysseus bildet." Wirklich? Und warum denn das? In den Worten von Susan Neiman: "Wer heute die Aufklärung verteidigen möchte, muss sich mit diesen {in der Odyssee dargelegten} Thesen auseinandersetzen, denn sie bilden den Kern der gegen sie erhobenen Vorwürfe."
 
  Anders gesagt, dieses Buch setzt einiges an Bildung voraus. Und das meint mehr als nur ein flüchtiges Interesse an der Odyssee, der Aufkärung, amerikanischer Aussenpolitik, Denkern wie Hobbes, Kant oder David Hume und und und ...
 
  Susan Neiman glaubt nicht, dass Absichten der Schlüsssel für Handlungen sind. "Was man in der Welt anrichtet, wiegt schwerer als die Gründe, aus denen man es getan hat." Also nicht die Reinheit der Gesinnung ist entscheidend (und überhaupt: wie wollte man denn diese eigentlich messen?), sondern, dass gut gehandelt wird. So wie es Daniel Ellsberg (Die Pentagon Papiere) getan hat, wie Susan Neiman meint, oder wie Bradley Manning (WikiLeaks), wie ich selber finde (Am Rande: Ich kann beim besten Willen nicht verstehen, weshalb ich mich mit der Odyssee befassen sollte, um Ellsberg oder Manning zu schätzen.). Oder aber Ulrich Mauerer, über den am 18. Februar 2011 in der Süddeutschen zu lesen war:
  "Der Mann ist erblindet, aber wenn Ulrich Mauerer ihn nicht beschützt hätte, wäre er heute vermutlich tot. Im Juni 2008 hatte ein frustrierter Liebhaber seinem Nebenbuhler an der U-Bahn-Haltestelle Holzapfelkreuth aufgelauert, zwei Messer gezogen und auf ihn eingestochen. Immer wieder hatte er auf die Augen gezielt und auch nicht von seinem Opfer abgelassen, als beide Klingen bereits von der Wucht der Stiche abgebrochen waren. Erst als Ulrich Mauerer eingriff, flüchtete er. Das Opfer ist von dem Angriff gezeichnet, aber die Ärzte konnten immerhin sein Leben retten."
 
  An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen, heisst es bei Matthäus.

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