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Anne-Christin Schondelmayer
Interkulturelle Handlungskompetenz
Entwicklungshelfer und Auslandskorrespondenten in Afrika.

transcript Verlag
2010
376 Seiten
ISBN-13: 978-3837611878
€ 34,80


Von Hans Durrer am 11.02.2010

  Das vorliegende Buch interessierte mich aus verschiedenen Gründen. Einmal, weil ich einmal ein Buch eines Afrika-Korrespondenten der Süddeutschen Zeitung sowie dessen Frau (Stefan Klein/Manja Karmon-Klein: Die Tränen des Löwen) herausgegeben habe. Dann aber auch, weil ich im südlichen Afrika fürs Internationale Rote Kreuz im Einsatz gewesen bin. Und nicht zuletzt, weil ich über interkulturelle Kommunikation publiziert habe (Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication) und interkulturelle Workshops durchführe.
 
  "Die vorliegende Studie", liest man in der Einführung, "beschäftigt sich mit der Frage, wie Entwicklungshelferinnen und Auslandskorrespondentinnen* als transnationale Migrantinnen**, in interkulturellen Situationen handeln, ihr Handeln reflektieren und die Situation und Andere wahrnehmen und darstellen."
  Unter * sowie ** finden sich Fussnoten darüber, wie die Begriffe verwendet werden - es handelt sich also um ein akademisches Werk und das meint, es geht hier ausführlich um Begriffsklärungen. Nicht, dass man nachher viel schlauer wäre. So hält die Autorin etwa zum Begriff der interkulturellen Handlungskompetenz fest: "Was unter interkultureller Handlungskompetenz gefasst werden kann, darüber gibt es jedoch nach wie vor und glücklicherweise sehr unterschiedliche Vorstellungen. Dies hängt nicht zuletzt mit den jeweiligen Handlungsfeldern zusammen, in denen sich Personen bewegen, von denen dort interkulturelle Kompetenz erwartet und ihnen entweder zu- oder auch abgesprochen wird." Glücklicherweise? Nun ja, wenn jede Disziplin und Sub-Disziplin wieder eine eigene Vorstellung von interkultureller Handlungskompetenz hat, so garantiert das zwar eine akademische Nische, doch ansonsten wenig Relevanz.
 
  Zur Methodologie: "Die Praxis interkulturellen Handelns von Expatriates, ihre milieuspezifische Einbindung und ihre Reflexion der Praxis sowie ihr Umgang mit Differenzen wird in der vorliegenden Studie mit der dokumentarischen Methode der Interpretation rekonstruiert." Okay, dann schauen wir einmal, was das in der Praxis heisst. Nehmen wir Arne Hamm, Auslandskorrespondent in Kenia. der seine beruflichen Aufgaben wie folgt beschreibt:
 
  "Hamm: das ((räuspern)) also erfordert das wahnsinnig viel Zeit und und (1) ähm und wahnsinnig viel Aufmerksamkeit sich sich da sozusagen auf dem Laufenden zu halten und wenn ich da irgendwo hinfahren dann les ich tausend Bücher oder Artikel oder spreche mit tausend Leuten und wenn man irgendwo vor Ort unterwegs ist macht man sowieso nichts anderes als mit Leuten über die Lage im Land zu reden."
 
  Das ist O-Ton Hamm, das sind keine Verschreiber. Der Mann redet wie wir alle auch, also nicht unbedingt druckreif. Diese Passage, die in ihrer Aussage ja eigentlich klar ist, wird nun von der Autorin interpretiert und das geht so:
 
  "Das Lesen hat für Herrn Hamms berufliche Praxis einen besonderen Stellenwert. Exkursionen und Recherchereisen bereitet Herr Hamm intensiv durch Lektüre vor ("dann les ich tausend Bücher"). In Büchern, Nachrichten und Informanten sucht Arne Hamm nach Tatsachenbeschreibungen, um sich die Lage so objektiv wie möglich anzueignen. Darin zeigt sich implizit, dass Herr Hamm davon ausgeht, erhellende Fakten zu finden, welche ihm Aufschluss über Situationen geben. Auch andere Personen werden in der Phase der Aneignung theoretischen Wissens zu Informationsquellen und dienen in erster Linie dazu, ihm Auskunft zu geben. Sowohl Literatur als auch der Austausch mit anderen Menschen dienen Herrn Hamm in allererster Linie zur Bewältigung seiner beruflichen Aufgabe."
 
  Es fällt schwer, beim Lesen dieser Analyse ernst zu bleiben. Was soll diese gestelzte Zusammenfassung? Man erfährt rein gar nichts, was sich einem nicht schon durch die Lektüre der Primärquelle erschlossen hatte. Das ist nicht der Fehler der Autorin, das ist ganz einfach typisches akademisches Arbeiten und dieses ist, wie das Wort sagt, eben häufig akademisch, also überflüssig, ausser natürlich für diejenigen, die mit solchen Arbeiten ihren Lebensunterhalt verdienen.
 
  Doch was folgert die Autorin aus ihren Befragungen? Dass "sich interkulturelle Handlungskompetenz nicht an Personen, sondern nur an bestimmten Handlungsformen festmachen" lasse (ganz als ob sich Person und Handlung voneinander trennen liessen - in der Theorie vielleicht, in der Praxis nicht) und dass insbesonders "die Bedeutung der Reflexion über eigenes Wissen und Handeln - sie erhält im Fachdiskurs über interkulturelles Lernen häufig eine herausgestellte Bedeutung - eingeschränkt werden muss. Reflektieren führt nicht zwangsläufig zu einem Lernprozess, vielmehr können im Sinne einer Verfestigung von Überlegenheitspositionen durch ein berufliches Selbstverständnis als Expertin für interkulturelle Begegnungen verhindert werden. Deutlich wird, dass im Zuge von Verunsicherungen und Irritation häufig auf feste Selbst- und Fremdbilder zurückgegriffen wird und damit neue Repräsentationen des 'Anderen' kaum möglich werden."
 
  Sicher, doch neu ist das alles nicht. Dass nur wer bereit ist, 'Andere' wahr- und ernst zu nehmen, sich selber in Frage zu stellen sowie interessiert ist, dazuzulernen, es möglich macht, eine gemeinsame Praxis zu entwickeln, versteht sich doch eigentlich von selbst.
 
  Auf der sehr ansprechend gestalteten Homepage des Transcript Verlages (http://www.transcript-verlag.de) findet sich übrigens ein Interview mit der Autorin, worin sie darauf hinweist, dass es bei ihrem Ansatz wesentlich um den Umgang mit eigenem (Nicht-)Wissen gehe und dass "interkulturelle Handlungskompetenz" mehr mit einer Aufhebung der Immunisierung eigenen Wissens zu tun habe als mit perfekten Vorbereitungen. Wohl wahr, doch wie soll das praktisch gehen? Darüber hätte man von dieser beeindruckenden Fleissarbeit gerne mehr erfahren.

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