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Massimo Ciancimino / Francesco La Licata
Don Vito
Mein Vater, der Pate von Palermo

Piper
2010
Übersetzt von Enrico Heinemann und Ines Klöhn
368 Seiten
ISBN-13: 978-3492054447
€ 19,95


Von Hans Durrer am 11.02.2010

  Vito Ciancimino war von 1959 bis 1964 Dezernent für öffentliche Arbeiten der Stadt Palermo. 1970 wurde er Bürgermeister der Stadt, wegen Gerüchten um seine Ernennung musste er jedoch wenige Wochen später wieder zurücktreten, liest man auf den ersten Seiten und denkt sich, ja was denn für Gerüchte, hat er sich die Wahl erschlichen und falls ja, wie? Die Zeitung "L'Ora" habe eine erbitterte Kampagne gegen ihn gefahren, erfährt man dann noch, doch davon, wie denn die ausgesehen hat, erfährt man wieder nichts. Und dann folgt diese Passage:
 
  "Damals war er bereits vollständig diskreditiert: wegen des Skandals um 3000 Baugenehmigungen, die in einer Nacht-und-Nebel-Aktion an einen Strohmann ausgestellt worden waren, hinter dem wenige befreundete Bauunternehmer steckten; wegen der Proteste um den Abriss der Jugenstilvillen auf dem 'Boulevard della Libertà'; wegen der 'Goldgruben' der Müllentsorgung, die Privatunternehmern (Vaselli) anvertraut wurde; und wegen der Strasseninstandhaltung (Cassina) sowie der Wasser- und Gasversorgung, deren Betrieb buchstäblich in Familienhand lag. Gleichwohl hielt er dieses korrupte illegale System noch jahrelang am Laufen."
 
  Ich habe absolut Null-Ahnung, wovon hier die Rede ist, habe von keinem der hier angedeuteten Fälle je gehört. Wer die gleiche Mühe hat, für den ist dieses Buch wohl keine geeignete Lektüre. Zugegeben, diese Passage ist willkürlich ausgewählt, untypisch für die Art und Weise wie dieses Werk geschrieben ist, ist sie hingegen nicht. Mit anderen Worten, man muss mit Sizilien, der Mafia und italienischer Politik recht gut vertraut (und an ihr interessiert) sein, um der Lektüre von 'Don Vito' viel abgewinnen zu können.
 
  Dies gesagt, will ich es gleich - teilweise - wieder zurücknehmen, denn immer mal wieder erzählen Massimo Ciancimino, der nach Don Vitos Tod dessen Geschäfte übernahm und "inzwischen Italiens wichtigster Kronzeuge gegen die Mafia" (so der Klappentext) ist, und sein älterer Bruder Giovanni ausgesprochen Aufschlussreiches, das auch ohne lokale sizilianische beziehungsweise italienische Kenntnisse verständlich ist. So berichtet etwa Giovanni von einem Besuch seines Vaters bei der Union de Banques Suisses in Lugano.
 
  "Ein kriecherischer Bankdirektor empfing ihn. Er bat uns, um einen Tisch herum Platz zu nehmen. Mein Vater öffnete den Aktenkoffer und verkündete ganz selbstbewusst: 'Das sind eine Million Schweizer Franken.' Als das Geld in den Tresor gewandert war, erhielt mein Vater eine Quittung und einen Ratschlag: 'Vergessen Sie Ihre Kontonummer nicht. Die brauchen Sie bei uns unbedingt. Es ist ein völlig anonymes Depot.' Wir verliessen die Bank durch einen Nebenausgang, der in eine Seitengasse führte. Beim Abschied erhielt er weitere Hinweise zu Vorsichtsmassnahmen: 'Kommen Sie das nächste Mal hier herein. Geben Sie an der Sprechanlage nur Ihre Kontonummer, nicht den Familiennamen an. Den Haupteingang meiden Sie besser. Es kam schon vor, dass die italienische Polizei hier Kunden fotografiert hat. Und Sie als eine Person des öffentlichen Lebens werden kaum übersehen werden.' Damit hatte mein Vater sein erstes Girokonto im Ausland eröffnet."

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