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Tim Parks
Die Kunst stillzusitzen
Ein Skeptiker auf der Suche nach Gesundheit und Heilung

Antje Kunstmann
2010
Übersetzt von Ulrike Becker
400 Seiten
ISBN-13: 978-3888976803
€ 24,90


Von Hans Durrer am 01.02.2011

  "Ein Skeptiker auf der Suche nach Gesundheit und Heilung" beschreibt der Untertitel treffend, worum es bei diesem Buch geht. Und so beginnt es: "Ich habe nicht damit gerechnet, je ein Buch über den Körper zu schreiben. Schon gar nicht über meinen eigenen Körper. Wie indiskret. Allerdings habe ich auch nicht damit gerechnet, je so entsetzliche und unerklärliche Beschwerden zu bekommen, wie ich sie hatte. Vor allem aber habe ich nicht damit gerechnet, dass eines Tages eine Krankheit die Grundfesten meiner Weltanschauung erschüttern und mich zwingen könnte, den Vorrang infrage zu stellen, den Sprache und Geist für mich immer besessen haben. SMS, Mails, Chats, Blogs - heutzutage frisst der Geist den Körper auf. Zu diesem Schluss hat mich meine lange Krankheit gebracht. Wir sind zu Hirnvampiren geworden, die sich selber den Lebenssaft aussagen. Sogar im Fitnessstudio oder beim Joggen spielt sich unser Leben nur noch im Kopf ab, auf Kosten unseres Körpers."
 
  Ich fühlte mich gepackt, denn das beschrieb mich und meine Existenz so gut wie die von Tim Parks. Doch natürlich gibt es Unterschiede, viele, und zuallerst, dass ich kein Engländer bin, und so recht eigentlich auch gar nicht wirklich verstehe, was an der Beschreibung des eigenen Körpers so furchtbar indiskret sein soll. Doch, wie gesagt, ich bin ja auch kein Engländer. Und überhaupt: Parks beschreibt seinen Körper auf den folgenden 350 Seiten ja sehr genau. Und auch das ist natürlich ziemlich englisch.
 
  Tim Parks war mir bisher als einer dieser gescheiten, witzigen und sprachlich versierten Engländer ein Begriff - ich hatte seinen Thriller 'Mimis Vermächtnis' verschlungen, genoss seine Einsichten über den Nationalcharakter ("Wie erstaunt ich war, als ich in Italien zum ersten Mal einem Zeugen Jehovas begegnete. I testimoni di Geova.Irgendwie hatte ich immer geglaubt, so dumm könnten nur die Amerikaner und die Engländer sein.") in 'Schicksal', verfolgte interessiert die Flucht des Fernsehmannes Harold Cleaver in ein abgelegenes Dorf im Südtirol in 'Stille' und las gelegentlich einen seiner Artikel in der New York Review of Books. Wie der Mann lebte, darüber hatte ich mir nie Gedanken gemacht, doch davon erfuhr ich jetzt einiges in diesem brillant geschriebenen Buch.
 
  Im Vorwort hält Parks unter anderem fest, "dass man zumindest bei Büchern die besten Erfahrungen nicht unbedingt macht, wenn man findet, wonach man gesucht hat, sondern wenn man seinerseits von etwas ganz anderem als dem Gesuchten gefunden, ja überrascht wird, etwas, das einen auf unbekanntes Terrain lockt." Das ist nicht nur bei Büchern, sondern ganz generell so, ist man da versucht hinzuzufügen.
 
  Das Buch handelt von Prostata-Beschwerden, urologischen Untersuchungen, Coleridge, vom Übersetzen, dem Booker-Preis-Dinner, der Vipassana-Meditation, einem übergewichtigen Guru und und und ... und es wimmelt von cleveren und locker vorgetragenen Beobachtungen. Hier zwei Beispiele:
 
  "Ein Schweigen trat ein. Die Sache mit der Astrologie ging mir ein bisschen zu weit. Ich lechzte nach neuen Geschichten, aber nur nach solchen, die ich glauben konnte, oder zumindest solchen, bei denen ich meinen Unglauben auf Eis legen konnte.
  'Kommen wir noch einmal zu den körperlichen Aspekten.' Aber dann hielt ich inne. 'Oder wollen sie behaupten, es sei alles rein psychosomatisch?'
  Ein Lächeln breitete sich langsam auf dem Gesicht des Arztes aus. 'Das ist ein Wort, für das wir kaum Verwendung haben, Mr. Parks.'
  Ich schaute ihn an.
  'Man spricht nur von psychosomatisch, erklärte seine Frau, 'wenn man der Auffassung ist, Körper und Geist könnten je getrennt sein.'"
 
  "Ähnlich wie die Welle, die mich manchmal überrollte, würden auch die Entdeckungen sich zeigen, wenn sie es wollten, wenn ich reif für sie war. Es ging also darum - und so eigenartig das auch klingen mag, aber mir war das noch nie in den Sinn gekommen - , eine geistige Disziplin zu entwickeln, die neue Erkenntnisse zuliess, eine Diszplin, in der ich im Augenblick noch ein vollkommener Anfänger war.
  Und zum ersten Mal im Leben stand ich vor einer geistigen Aufgabe, die nichts mit Sprache zu tun hatte. Seit Jahrzehnten, so wurde mir klar, war jede gezielte geistige Aktivität für mich eine linguistische gewesen: Schreiben, Denken, Schlussfolgern, Unterrichten, Reden ... Nicht auf das Erlebnis kam es mir an, sondern auf die Beschreibung des Erlebnisses."
 
  Wem solches vertraut ist, für den ist dieses Buch nicht nur lesenswert, sondern hilfreich.

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